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Stromsparen bei der Bahn : Rollen, rollen, rollen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Lokführer-Wettbewerb beim Stromsparen. Die Bahn als einer der größten Verbraucher kann viele Millionen Euro im Jahr sparen.

svz.de von
erstellt am 17.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Im Haushalt helfen Zähler, um Stromfressern auf die Spur zu kommen. Die Bahn als einer der größten Stromverbraucher in Deutschland kann viele Millionen Euro im Jahr sparen – wenn ihre Lokführer die richtige Technik draufhaben.

Einfach rollen lassen. Das ist die beste Methode. Ronald Misch sitzt im Führerstand seiner Lieblingslok, Baureihe 182, Drehstrom, 8700 PS. Auf seiner Stammstrecke von Magdeburg nach Frankfurt (Oder) bringt er seinen roten Regionalexpress hinter Fürstenwalde auf die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 160 Stundenkilometern. Und dann spart er Strom. Eisen auf Eisen – ein 380 Tonnen schwerer Zug rollt bei diesem Tempo im flachen Ostbrandenburg von ganz allein die 15 Kilometer bis nah an die polnischen Grenze.

Wäre da nicht die Dauerbaustelle bei Köpenick gewesen – es hätte eine richtig gute Fahrt fürs Ranking werden können. Am Ende war es nur Durchschnitt, mit einem Stromverbrauch um die 2000 Kilowattstunden. Die Rangliste kennen nur Lokführer. Es ist wie eine interne Bundesliga-Tabelle, die in vielen Dienststellen des Regionalverkehrs aushängt. Welcher Lokführer und welches Team haben in der laufenden Saison am meisten Strom gespart? Fragt man Johannes Krumm, Projektleiter für energiesparendes Fahren im norddeutschen Regionalverkehr, motiviert ein spielerischer Wettbewerb mehr als eine Vorschrift.

Bei der Bahn hat das Ranking aber vor allem einen handfesten wirtschaftlichen Hintergrund. 30 Millionen Euro Stromkosten könnte das Unternehmen allein im Regionalverkehr pro Jahr sparen, wenn alle Lokführer auf energiesparendes Fahren achteten. Bisher seien es erst sechs Millionen Euro im Jahr, sagt Krumm. Im Sommer 2014 begann in Berlin und Brandenburg das Pilotprojekt, das Lokführer fürs Stromsparen begeistern sollte. Seit Jahresbeginn sind alle Bundesländer beteiligt.

Misch, Teamleiter für 56 Lokführer, war von Anfang an dabei. „Ich habe das mal in Geld umgerechnet“, sagt er. „Zu Hause regt sich doch auch jeder auf, wenn die Kinder das Licht brennen lassen.“ Strom kostet eben. Die Bahn, einer der größten Stromverbraucher in Deutschland, benötigt Unmengen. 20 000 elektrische Züge rollen pro Tag durch Deutschland. Zusammen mit anderen Eisenbahnunternehmen summierte sich das 2016 auf 10 000 Gigawattstunden. Das ist fast so viel Strom, wie die Großstadt Berlin im Jahr verbraucht.

Zu Mischs Stromspar-Techniken gehören neben coolem Rollenlassen auch geschicktes Anfahren und das Bremsen mit der Lok. Das funktioniert ähnlich wie die Motorbremse beim Auto – und die Energie fließt zurück. Gut fürs Ranking. Der Bordcomputer gibt bei jeder Fahrt Stromspar-Tipps. Eine Erfahrungsliste der besten Sparfüchse unter den Lokführern liegt für jeden Streckenabschnitt zusätzlich im Führerstand.

Trotzdem gilt: Auch Sparen hat seine Grenzen. Zuerst kommt bei der Bahn die Sicherheit, dann die Pünktlichkeit. Wirtschaftlichkeit liegt auf Platz drei. Hat ein Zug Verspätung, geht die Energie erst einmal ins Aufholen.

Der 51-jährige Misch stammt aus einer Eisenbahnerfamilie in Brandenburg (Havel). Schon als Dreijähriger kletterte er in den Führerstand von Opas Dampflok. Durch geschicktes Fahren konnte der Großvater damals schon Kohlen sparen. Misch machte den Kleine-Jungen-Traum zum Beruf, seit 1983 ist er Lokführer.

Seit Jahren schon steuert er den Regionalexpress zwischen Magdeburg und Frankfurt (Oder). Vom Führerstand aus sah er nach dem Mauerfall das neue Berliner Regierungsviertel wachsen und den Hauptbahnhof.

Misch kennt die Härten der Schichtarbeit und weiß, was gegen Müdigkeit hilft: stehen, Fenster auf, Liedchen singen. „Lokführer ist ein einsamer Beruf“, sagt er. Tauschen würde er trotzdem nicht. „Ich mag Strukturen und Fahrpläne.“

Misch ist ein Mann der Zahlen. Einen Verbrauch von 1700 Kilowattstunden Strom von Magdeburg bis Frankfurt (Oder) nennt er spitze. 2400 Kilowattstunden, rund so viel wie ein deutscher Single-Haushalt im Jahr verbraucht, wären ein Grund, mit Kollegen über Trainings zu reden – wenn das zu oft vorkommt. Jeden Monat bekommen Misch und seine Kollegen ihre persönliche Spar-Bilanz geschickt. Die Aushänge im Büro sind anonymisiert, schon aus Datenschutzgründen.

Durchschnittlich könnten Lokführer durch energiebewusstes Fahren rund zehn Prozent Strom einsparen, sagt Projektleiter Krumm. Es liegt an der Kunst und am Willen. Im Regionalverkehr lägen die Chancen sogar höher als beim ICE, ergänzt er. Es gibt mehr Haltepunkte. Das allein erhöht schon die Sparchancen durch das Bremsen mit der Lok. Beim Pilotprojekt floss ein Teil der gesparten Summe an die Kollegen zurück.

Bundesweit soll der Anreiz allein über den spielerischen Wettbewerb laufen. Oder wie Krumm sagt: „Eine Einsatzstelle in Köln will nicht schlechter sein als eine in Düsseldorf.“

 

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