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Teleradiologie : Röntgenbilder aus der Provinz

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Jeden Tag erreichen den Radiologen des Unfallkrankenhauses (UKB) Berlin und seine 20 Kollegen Hunderte dieser Anfragen aus der gesamten Region, insgesamt 120 000 Expertisen waren es im vergangenen Jahr.

Der gebrochene Oberarm der 89-jährigen Patientin erscheint als Bild auf dem Monitor, aufgenommen im Krankenhaus von Kyritz. Die Seniorin war gestürzt, die Folgen sind schmerzhaft und im medizinischen Sinne kompliziert. Christian Madeja zeigt zwei verrutschte Knochenteile. Der Arzt in der Prignitz fragte ihn, ob die Frau nicht besser von einem Spezialisten behandelt werden müsse.

Jeden Tag erreichen den Radiologen des Unfallkrankenhauses (UKB) Berlin und seine 20 Kollegen Hunderte dieser Anfragen aus der gesamten Region, insgesamt 120 000 Expertisen waren es im vergangenen Jahr. Die spezialisierte Klinik im Osten der Hauptstadt ist mit 14 Krankenhäusern in Brandenburg und Sachsen-Anhalt vernetzt. Madeja gibt ihnen Hinweise und Diagnosen, er kann sogar live in die Untersuchung eingreifen – aus der Ferne.

Möglich machen dies schnelle Datenleitungen. Hochauflösende Bilder – bei einem kompletten Scan eines Körpers per Computertomographie werden rund 1000 Aufnahmen gemacht – können zwischen den Häusern hin- und hergeschickt werden. „Es macht keinen Unterschied mehr, wo die Radiologen sitzen. Auch hier in der Klinik haben wir ja eine räumliche Trennung“, erklärt er. „Der einzige Unterschied ist, dass ich den Patienten nicht sehen kann.“

Für Krankenhäuser auf dem Land bedeutet die Hilfe des UKB eine enorme Entlastung. In kleinen Krankenhäusern stehen zwar ebenso moderne Computertomographen, die über Fördermittel angeschafft wurden, allerdings fehlt oft ein Spezialist für die Auswertung der komplexen Bilder. Mehrere Häuser in Brandenburg hätten gar keinen Radiologen mehr, erzählt der 48-jährige Oberarzt. Andere müssten zeitweilige Engpässe überbrücken. „Der Ärztemangel schlägt in unserem Fachbereich zu.“ In Berlin sitzt immer jemand vor den Monitoren, um kleinste Blutgerinnsel, Geschwüre oder Knochenbrüche im „Schneegestöber“ der Aufnahmen zu identifizieren. Selbst Neurologen des UKB können sich per fernsteuerbarer Kamera zuschalten und Anweisungen für die Untersuchung des Patienten geben. „Er kann sogar direkt in die Pupillen schauen, um nach Symptomen für einen Infarkt zu suchen“, erklärt Madeja.

Seit zehn Jahren existiert bereits das Projekt Teleradiologie. Es sei eine gewachsene Zusammenarbeit, so Madeja, viele Kollegen kenne er persönlich. Zwar verschicke das UKB auch Rechnungen an die anderen Krankenhäuser, diese lägen jedoch weit unter üblichen Marktpreisen. Auch Patienten empfinden die Kooperation als notwendige Hilfe, sagt er.

Auch in der Berliner Charité werden brandenburgische Patienten in einem telemedizinischen Pilotprojekt betreut. Der Gesundheitszustand von 1500 herzkranken Probanden wird bis 2015 engmaschig überwacht, ebenso steht die Wirtschaftlichkeit dieser Versorgung auf dem Prüfstand. „Das ist die Zukunft der Medizin“, glaubt Michael Scherf, Vorstand der Firma Getemed aus Teltow, die entsprechende Geräte produziert. „Andere Fachärzte werden in Diagnosen einbezogen. Das kann nur von Vorteil sein.“ Madeja erwartet, dass Telemedizin auf immer mehr Bereiche ausgedehnt wird: Fachärzte könnten etwa medizinische Daten auswerten, die von Schiffen geschickt werden. „Einen gläsernen Patienten wird es aber auch künftig nicht geben“, so der Radiologe. „Die Datenschutzstandards sind hoch.“

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