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Wie sich die Sprache verändert : Ringen um jedes Wort

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Frankfurter Schau beleuchtet Entwicklung der Schriftsprache zwischen Luther und Kleist

svz.de von
erstellt am 12.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Auch Wörter können erstaunliche Karrieren machen. Kopf zum Beispiel. Jene Vokabel, mit der wir heute den Körperteil bezeichnen, besaß vor 1000 Jahren eine andere Bedeutung. Sie bezeichnete einen Becher und wurde als lautmalerische Metapher ab dem 13. Jahrhundert auch für einen helmbedeckten Kopf verwendet. Denn wenn ein Schwertschlag den Helm traf, klang das, als ob ein Löffel an einen Metallbecher stößt. Um 1600 hatte sich Kopf gegen Haupt, den ursprünglichen Begriff für den Schädel, durchgesetzt. Haupt stieg in den gehobenen, den poetische Stil auf.

Wörter entstehen, verschwinden, ändern ihren Gehalt, nehmen alternative Lesarten auf. Stand billig einst für angemessen und rechtmäßig, ab dem 19. Jahrhundert für wohlfeil und preiswert, verwenden wir dieses Wort jetzt vor allem im Sinn von wertlos oder einfallslos. Ein billiger Witz ist ein schlechter Witz.

Diese und andere Episoden erzählt die Ausstellung „Worte, Worte, nichts als Worte. Wortgeschichten von Luther und Kleist“ im Frankfurter Kleist-Museum. Sie kommt ohne Objekte in Vitrinen aus, stattdessen lässt sie Besucher anhand von Wort- und Textbeispielen durch ihre Sprache zu spazieren. Dabei rückt die Schau die sprachgeschichtliche Entwicklung vom 15. bis 18. Jahrhundert in den Fokus. Jene Epoche, in der sich durch Impulse der Reformation und aus ökonomischen Gründen im deutschsprachigen Raum die gemeinsame Schriftsprache herausbildete. Die Klammer bilden „zwei Spracharbeiter“, so Barbara Gribnitz, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums und Kuratorin der Ausstellung.

Am Beginn der Ära steht Martin Luther, der mit seiner Bibelübersetzung den Deutschen den Glauben näherbrachte und die Sprache um viele Wortschöpfungen bereicherte. Heinrich von Kleist wirkte 300 Jahre später, als der Prozess der Bildung einer überregionalen Schriftsprache weitgehend vollzogen war. Was den Reformator und den Dichter verbindet: „Beide ringen um jedes Wort. Sie spielen und arbeiten mit Wörtern, mit Grammatik, mit Syntax“, so Barbara Gribnitz.

Noch eine Brücke schlägt die Ausstellung zwischen dem Wittenberger Theologen und dem in Frankfurt (Oder) geborenen Dichter, indem sie den wirkmächtigen Einfluss der Luther’schen Bibelübersetzung auf das Kleist’sche Werk beleuchtet. Für seine Novelle „Michael Kohlhaas“ etwa bedient er sich der in der Bibel dutzendfach erwähnten Formel „es begab sich“ – und modifiziert sie in „es traf sich“.

Wie Kleist das macht, erfahren Besucher in einer Installation. In einem zweiten Raum stehen vier riesige, weiße, von innen beleuchtete Ballone, auf denen je zwei Zitate aus der Bibel und dem „Kohlhaas“ als fortlaufende Schriftbänder zu lesen sind. Wer sich den schmalen Weg zwischen den Ballons bahnt und den Wörtern folgt, erkennt die Analogien zwischen Luthers kurzen, prägnanten Sätzen und Kleists komplexen Satzgefügen.

Eventuell findet der Besucher eine weitere Parallele – zwischen Luthers eigenartiger Zeichensetzung und Kleists oft regelwidrig platzierten Kommas. Das geschah wohl aus dramaturgischen Gründen, meint Barbara Gribnitz. Beide, Bibel wie „Kohlhaas“, sind auch gesprochene Texte. Die aus heutiger Sicht befremdliche Zeichensetzung diente der Vorgabe eines melodischen Sprachrhythmus’ – ähnlich den Noten in der Musik.

Wie unsere Sprache Wörter aufnimmt und sie wieder abstößt, lässt sich gleichfalls bei Luther und Kleist belegen. Die Ausstellung tut dies am Beispiel Reisiger. Der von reisen abgeleitete Begriff – Reise bedeutete im Mittelhochdeutschen Kriegsfahrt – tauchte im 11. Jahrhundert auf und bezeichnete bewaffnete Reiter. Doch bereits Luther haderte mit dem Wort. In der letzten von ihm redigierten Bibelfassung, der „Ausgabe aus letzter Hand“ von 1545, verwendete er Reisige lediglich im Alten Testament, im Neuen hingegen nur noch Kriegsknecht. Zu Kleists Zeiten war das Wort zumindest noch bekannt: „… und da ein Haufen von hundert und achtzig Reisigen (…) zersprengt in die Stadt zurückkam“, heißt es in seiner 1810 veröffentlichten Novelle „Michael Kohlhaas“. Heute ist dieses Wort aus dem Sprachgebrauch verschwunden.

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