Schultourismus Berlin-Brandenburg : Richtungswechsel beim Schülerpendel

Ein Lehrer geht mit einer Schülerin in einen Unterrichtsraum, aufgenommen in einer Grundschule in Falkensee. Seit der Wende zieht es zunehmend Berliner Familien ins Umland.
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Ein Lehrer geht mit einer Schülerin in einen Unterrichtsraum, aufgenommen in einer Grundschule in Falkensee. Seit der Wende zieht es zunehmend Berliner Familien ins Umland.

Zunehmend ziehen Berliner Familien ins Umland und die Kinder gehen verstärkt in Brandenburg zur Schule.

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09. August 2016, 04:45 Uhr

Heiko Müller steht es noch deutlich vor Augen: „In den 1990er Jahren wollten viele Eltern ihre Kinder an Westberliner Schulen schicken, weil sie den ehemaligen DDR-Schulen keine guten Bildungsabschlüsse zutrauten.“ Das habe sich inzwischen deutlich geändert, sagt Falkensees Bürgermeister (SPD). Die Zahl der Einwohner in der Boomtown vor den Toren Spandaus hat sich durch starken Zuzug aus Berlin von rund 22 000 zur Wende auf derzeit 43 400 fast verdoppelt. „Ich erlebe in unseren Schulen dieselbe Mischung wie in der Stadt: 75 Prozent Zugereiste und ein Viertel einheimische Kinder“, stellt Müller fest. „Der Unterricht an unseren Schulen ist inzwischen sehr anerkannt.“

Dies bestätigt auch das Brandenburger Bildungsministerium. Die Zahl der Schüler, die im jeweils anderen Bundesland zum Unterricht gehen, sei bis zur Jahrtausendwende auf mehr als 10 000 gestiegen, berichtet Ministeriumssprecher Florian Engels. Zum Höchststand im Schuljahr 2001/2002 pendelten knapp 9000 Brandenburger Schüler in die Hauptstadt und nur rund 12 00 Kinder und Jugendliche von Berlin ins Nachbarland.

Für Brandenburg war das ein teurer Schultourismus, denn die Landesregierung musste für den Unterricht der Schüler in der Bundeshauptstadt jährlich zweistellige Millionenbeträge zahlen. Mit dem Rückgang der Pendler sank dieser Finanzausgleich dann von zehn Millionen Euro im Jahr 2011 auf acht Millionen 2013 und 2014.

Inzwischen zahlt Brandenburg für jeden „Saldo-Schüler“ – also jeden, der die Zahl der Berliner Pennäler in der Mark übertrifft – 2200 Euro Schulgeld im Jahr. So kommt jährlich eine Summe von knapp neun Millionen Euro zusammen. „Das Schülerabkommen hat sich bewährt“, sagt Brandenburgs Bildungsminister Günter Baaske (SPD). „Und viele, die aus Berlin neu zu uns kommen, schulen ihre Kinder auch in unseren Schulen ein.“ So ist der Anteil der Brandenburger Schulpendler nach Berlin kontinuierlich gesunken. Im kommenden Schuljahr werden nur noch gut 5300 Schüler den Unterricht in der Hauptstadt besuchen, etwas mehr als die Hälfte der Zahl zur Jahrtausendwende. Und dies bei einem ständig steigenden Zuzug von Berlinern in den Speckgürtel. In Gegenrichtung kommen knapp 1400 Schüler aus Berlin.

Diese Entwicklung ist gut für den Brandenburger Landeshaushalt, stellt aber die Gemeinden im Berliner Umland vor erhebliche Herausforderungen beim Bau neuer Schulen. Besonders im Südwesten wird es knapp. So ist in der Region Teltow-Kleinmachnow-Stahnsdorf (TKS) eine weitere Gesamtschule notwendig. Prekär wird auch die Lage in Falkensee: „Unsere vier weiterführenden Schulen sind bereits mehr als ausgelastet“, sagt Bürgermeister Müller. „Wir müssen schon Schüler bis nach Ketzin schicken.“ Zusätzlicher Fahrweg: rund 30 Kilometer.

Das ebenfalls stark wachsende Potsdam muss derweil in den kommenden Jahren rund 160 Millionen Euro in neue Schulen investieren. Ein Schulneubau schlägt mit rund 25 Millionen Euro zu Buche. „Nach den Prognosen wird die Zahl der Schüler von derzeit knapp 20 000 bis 2020 auf knapp 23 000 wachsen“, erläutert Stadtsprecherin Christine Homann. Im Jahr 2030 sollen es 25 300 sein. 

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