Sicherheit : Rettungskräfte haben kaum Platz

Mühsam müssen sich Einsatzkräfte ihren Weg durch die Autos bahnen.
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Mühsam müssen sich Einsatzkräfte ihren Weg durch die Autos bahnen.

Autofahrer müssen bei einem Stau eine Gasse bilden – doch immer mehr ignorieren die Regel

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03. Juni 2016, 21:00 Uhr

Brandenburger Rettungskräfte erleben fast täglich, dass sie auf dem Weg zum Unfallort von Autofahrern blockiert werden. Dadurch gehen wertvolle Minuten verloren. Jetzt klären die Johanniter mit einer Kampagne darüber auf, wie eine Rettungsgasse gebildet wird.
Es ist ein unscheinbares Handyvideo, das die Freiwillige Feuerwehr aus dem bayrischen Königsbrunn ins Internet gestellt hat: Zu sehen ist, wie ein Löschfahrzeug zu einer Unfallstelle eilt, und alle, wirklich alle machen Platz. Über eine Million Mal wurde der Film auf Facebook aufgerufen. In den Kommentaren äußern andere Brandschützer, dass ihnen diese Situation wie ein Traum vorkommt.

Die perfekte Rettungsgasse – sie gibt es im Alltag der Rettungskräfte kaum noch. Auf Autobahnen erleben Sanitäter, Polizisten und Feuerwehrleute, dass ihnen in einem Stau der Weg versperrt wird und dreiste Autofahrer im hohen Tempo folgen. „Das Verhalten vieler Verkehrsteilnehmer ist enttäuschend und frustrierend“, sagt René Glaeser.

Der Werkleiter des kreiseigenen Rettungsdienstes in der Prignitz registriert vor allem auf der A 24 haarsträubende Manöver, wenn sich nach einem schweren Unfall die Fahrzeuge in kilometerlangen Schlangen aneinanderreihen – was im Sommer häufiger vorkommt. „Allein das Bilden einer Rettungsgasse ist ein Riesenproblem“, berichtet Glaeser.

Hinzu komme, dass der Eigensinn auf den Straßen zugenommen habe. Viele Autofahrer machen erst dann den Weg frei, wenn sich Retter mit Blaulicht bereits genähert haben. „Das sorgt für minutenlange Verzögerungen“, so Glaeser. „Die Folgen spüren die Patienten.“
Mit diesen Negativentwicklungen sind auch andere Rettungsdienste im Land konfrontiert, die für viel befahrene Autobahnen zuständig sind.

Kürzlich habe er in einem Stau beobachtet, wie Autofahrer auf der Standspur den Rückwärtsgang einlegten und mit eingeschaltetem Warnblinker bis zur nächsten Abfahrt fuhren, erzählt Fred Spielberg, Rettungsdienstleiter im Barnim. Vielen Verkehrsteilnehmern sei gar nicht bewusst, dass sie durch ihr Verhalten andere gefährden und die Bergungsarbeiten verzögern. „Dadurch kommen wir schlechter an die Unfallstelle und der Stau dauert länger.“
Allerdings müssen jene Verkehrsrowdys nicht immer mit Konsequenzen rechnen. „Unsere Beamten leisten zuerst Gefahrenabwehr an der Unfallstelle, bevor ein verkehrswidriges Verhalten geahndet werden kann“, sagt Toralf Reinhardt, Sprecher der Polizeidirektion Nord. Daher seien Meldungen von Zeugen wichtig. Wer die Rettungsgasse dafür missbraucht, um schnell zum Anfang des Staus zu gelangen oder als Geisterfahrer zur Autobahnabfahrt unterwegs ist – wie unlängst ein Bulgare auf der A 12 – riskiert nach der Aussage von Reinhardt eine Anzeige wegen des Verstoßes gegen Sonder- und Wegerechte oder gar wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Bei der letztgenannten Variante droht eine Freiheitsstrafe.
Doch selbst Polizisten erleben im Einsatz immer wieder Blockaden in der Rettungsgasse. „Wir müssen die Leute teilweise mit Megafon ansprechen, damit sie uns Platz machen“, berichtet der Polizeisprecher. Grundsätzlich sei auch im Straßenverkehr zu beobachten, dass das Rechtsbewusstsein der Bürger abnehme und die Polizei konsequent dagegen halten müsse.

Jörn Müller, Chef der Fürstenwalder Feuerwehr, appelliert an die Politik, die Strafen für eine Behinderung von Rettungskräften deutlich zu verschärfen. „Außerdem muss das Motto lauten: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung“, so der Brandschützer. „Die meisten Autofahrer haben einfach verlernt, im Stau stehen zu bleiben“, meint er.

Angesichts der Probleme hat die Johanniter-Unfall-Hilfe jetzt eine landesweite Kampagne gestartet, um auf die Bedeutung der Rettungsgasse hinzuweisen. Mit Plakaten, Aufklebern sowie Beiträgen im Internet wolle man Autofahrer dafür sensibilisieren, sagt Bonny Oppermann vom Regionalverband Brandenburg-Nordwest der Hilfsorganisation. Auch in Erste-Hilfe-Kursen werde das Thema vermittelt. „Das muss dringend in die Köpfe“, sagt sie.

Henning Kraudzun

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