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Neuruppin : Renovierung mit Hindernissen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wenn sich Denkmal- und Naturschutz ins Gehege kommen, bleiben Bauherren zuweilen ratlos zurück

svz.de von
erstellt am 29.Mai.2016 | 08:45 Uhr

Ein Hauch von Christo umweht derzeit die Neuruppiner Karl-Marx-Straße 40. Vorige Woche wuchs am höchsten Haus am Schulplatz ein Gerüst empor, das mit einem halbtransparenten Netz versehen ist. Das soll für Sicherheit während der bevorstehenden Renovierungsarbeiten an der Fassade sorgen – könnte aber zum Dauer-Anblick werden.

Sechs bis acht Wochen sind für die Verschönerung vorgesehen – das Drei- bis Vierfache der Zeitspanne, die der Berliner Reichstag 1995 verhüllt war. Doch es könnte alles noch entschieden länger dauern. Dabei ist nichts Ungewöhnliches geplant.


Schwalbennester gefunden


20 Jahre nach Instandsetzung der Fassade will die Berliner Immobilienverwaltung Horst Lehmann als Eigentümerin des Gebäudes einige Schönheitsreparaturen vornehmen lassen. Putz und Farbe weisen in einzelnen Bereichen Risse und Verfärbungen auf, an einigen Stellen löst sich der Mörtel. Also wurden Firmen beauftragt, die Probleme aus der Welt zu schaffen. Das alles lief ganz normal – bis sich vorige Woche die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises einschaltete und auf die am Gebäude nistenden Schwalben verwies. Die Vögel sind streng geschützt. „Im Umkreis von fünf Metern darf überhaupt nicht gearbeitet werden“, erläutert Michael Purol, Leiter der Lehmann-Immobilienabteilung. Mit anderen Worten: Schon bei nur einem Nest ist eine Fläche von knapp 80 Quadratmetern freizuhalten.

Die Forderung der Naturschützer will Purol gerne erfüllen, doch könnte das einer anderen Kreisbehörde missfallen: dem Denkmalschutz. Denn wenn einige Stellen bei den Arbeiten ausgelassen werden, wird die Fassade am Ende fleckig. Und das kann auch nicht gewollt sein. Michael Purol macht dem Landkreis keine Vorwürfe. Er bedauert lediglich, den Artenschutz nicht mehr berücksichtigt zu haben.

Eine Möglichkeit wäre, die Arbeiten auf später zu verschieben. Sie könnten sich dann bis in den Oktober hinziehen – und neue Probleme aufwerfen. Um den Putz zu erneuern, braucht es laut Michael Purol Temperaturen von durchgehend zehn Grad über Null. Allerdings ist im Herbst bereits mit ersten Frösten zu rechnen. Der Immobilienfachmann fühlt sich entfernt an den Brandschutz beim Berliner Großflughafen erinnert: Auch dort hätten die Vorschriften nicht ineinander gegriffen – mit noch immer nicht überwundenen Folgen.

Gleichwohl gibt sich Purol zuversichtlich: „Ich gehe davon aus, dass wir in der nächsten Woche gemeinsam eine positive Lösung erarbeiten.“ Damit spielt er den Ball an die Kreisbehörden zurück. Doch die können den Weg auch nicht einfach so freimachen. Zwar ging laut Kreis-Sprecherin Britta Avantario der Hinweis an den Eigentümer, dass eine Befreiung von bestehenden Verboten möglich ist – bei belegten Schwalbennestern gilt das allerdings als so gut wie ausgeschlossen. Dass in den Nestern an der Karl-Marx-Straße 40 Nachwuchs gedeiht, haben die Behörden mittlerweile festgestellt. Was den Fall kaum weniger kompliziert macht: Schwalben suchen gewohnheitsmäßig Jahr für Jahr die gleichen Brutstätten auf. Somit lässt sich die Renovierung schwerlich auf nächsten Mai verschieben. Zwar steht das Gerüst. Ob, wann und in welchem Umfang die Fassade repariert werden darf, ist aber völlig offen. Und so belässt es Britta Avantario bei dem Hinweis, dass sich der Eigentümer bisher nicht beschwert hat.

Das Gebäude hat in jüngerer Zeit einiges durchgemacht. Besonders der 19. August 1988 dürfte vielen alteingesessenen Neuruppinern noch in lebendiger Erinnerung sein. An jenem Freitag brannte – nur zwei Jahre nach der aufwändigen Sanierung des Hauses – der Dachstuhl komplett aus. Unter den Augen Hunderter Schaulustiger konnte die Feuerwehr damals Schlimmeres verhindern, so dass der Wiederaufbau des Dachs zügig in Angriff genommen werden konnte. Letzte Löschwasser-Schäden verschwanden allerdings erst weit nach der Wende. 

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