Diskussion geht weiter : Reizthema toter Wisent

Der Abschuss eines Wisents hat ein politisches Nachspiel.
Der Abschuss eines Wisents hat ein politisches Nachspiel.

Polen und Tierschützer bezeichnen Abschuss als unnötig. Landtag befasst sich mit dem Vorfall

svz.de von
25. September 2017, 11:55 Uhr

Aus Deutschland und Polen kam vielfach das gleiche Echo: Bestürzung, Kopfschütteln, Wut. Ein freilaufender Wisent, der eine streng geschützte Tierart ist, streift durch Ostbrandenburg und wird dabei abgeschossen – und das auch noch per amtlichem Beschluss.

Man habe sichergehen wollen, dass der Bulle keine Menschen gefährdet, hieß es zur Begründung nach dem Vorfall vor fast zwei Wochen. Es folgte eine Welle der Empörung. Seither wurde versucht, die Wogen zu glätten - es gab Erklärungsversuche, ein Aufarbeitungsprotokoll und ein Entschuldigungsschreiben an die polnische Seite. Erledigt ist der Fall damit aber nicht.

Der Wisent ist zwar kein offizielles Symbol in Polen, doch hat er dort einen hohen Stellenwert. Er ist in östlichen Gebieten nahe der weißrussischen Grenze heimisch, gilt als König der Wälder und wird von vielen Polen verehrt. Entsprechend emotional fielen im Nachbarland die Reaktionen auf den Abschuss aus. Tierfreunde richteten sogar eine Facebook-Seite „zum Gedenken an den in Deutschland bestialisch ermordeten Wisent“ ein.

Die Boulevard-Zeitung „Fakt“ titelte auf ihrem Onlineportal: „Er ging durch die Lebuser Wälder, wurde getötet. Schuld sind die Deutschen“. Fast alle polnischen Medien berichteten und zeigten wenig Verständnis für den Abschuss.

Auch Politiker kommentierten den Fall. So fragte etwa ein Abgeordneter der nationalkonservativen Regierungspartei PiS auf Twitter: „Mit welcher Begründung wurde der Wisent aus Polen getötet?“. Und der Europaabgeordnete Janusz Wojciechowski, ebenfalls PiS, widmete dem Tier sogar ein Gedicht mit dem Titel: „Ach Wisent, wärst du doch im polnischen Dickicht geblieben“.

Der abgeschossene Wisent hielt sich nach Angaben des Potsdamer Umweltministeriums im Nationalpark Warthemündung im deutsch-polnischen Grenzgebiet auf und streifte dabei auch durch Brandenburg. Als ein Spaziergänger das Tier auf einem Deich bei Lebus (Märkisch-Oderland) entdeckte, nahm das Unheil seinen Lauf.

Wie aus einer Art Entschuldigungsschreiben des Landkreises Märkisch-Oderland, der selbst nicht an dem Abschuss beteiligt war, an die polnische Seite hervorgeht, wurde über mehrere Stunden versucht, das Tier von einer Siedlung fernzuhalten. Als es dann dunkel wurde, traf das Amt die für den ungebetenen Gast tödliche Entscheidung.

Kurz nach dem Abschuss sagte der zuständige Amtsdirektor Heiko Friedemann dem RBB: „Ich hab' da kein Abwägungsermessen, sondern Leib und Leben geht vor.“ Der Landkreis forderte beim Amt unterdessen ein Protokoll an, das einem Sprecher zufolge inzwischen vorliegt.

Der Wisent, der sich durch seine imposante Statur, wuchtige Hörner und ein dichtes Fell auszeichnet, lebt in Deutschland nicht in freier Natur. Vielmehr wird die hierzulande nicht heimische Rinderart in Zoos oder Gehegen gehalten. Eine Ausnahme stellt ein Artenschutzprojekt im Rothaargebirge in Nordrhein-Westfalen dar: 2013 wurden acht Tiere ausgewildert. Seither wuchs die Herde bis zum vergangenen Herbst auf 22 an.

Nach wie vor fragen sich viele: War der Abschuss wirklich notwendig? Die Heinz Sielmann Stiftung, die selbst in der Döberitzer Heide in Brandenburg ein Wildtier-Großprojekt mit rund 90 Wisenten in einem eingezäunten Gehege verfolgt, spricht von einem Verlust. Zumindest hätte man prüfen müssen, ob man das Tier hätte betäuben können, sagt Projektbearbeiter Jörg Fürstenow.

Die Grünen-Fraktion will das Thema in dieser Woche in den Landtag bringen und stellte bereits die Anfrage an die Landesregierung, was aus ihrer Sicht ein angemessenes Vorgehen gewesen wäre. Regierungsvertreter müssten dazu im Plenum Stellung beziehen. Die Umweltorganisation WWF und auch die Tierschutzorganisation Peta erstatteten nach eigenen Angaben Anzeige gegen Amtsvertreter. Der Fall dürfte also weiter Kreise ziehen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen