Oranienburg : Rechnen im Akkord

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Kumon-Institut vermittelt Mathe nach japanischer Methode. Immer mehr Kinder erhalten Nachhilfe

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26. März 2016, 08:00 Uhr

Ein stark expandierendes Institut ist Kumon. Dort wird Kindern das Rechnen nach einer japanischen Methode beigebracht. In Oranienburg (Oberhavel) befindet sich landesweit das einzige Lerncenter.

Ann-Marlen nimmt sich an diesem Nachmittag algebraische Gleichungen vor – schwerer Stoff für Erwachsene mit nur wenigen Berührungspunkte mit Mathematik. In der Schule rechnet die Zwölfjährige gerade Wurzeln, mit Variablen und Termen müsste sich die Gymnasiastin erst ab nächstem Schuljahr auseinandersetzen. Nur eine knappe halbe Stunde verweilt die Schülerin im Kumon-Lerncenter. Die Aufgaben löst sie eigenständig und das im Akkord, fast jeden Tag im Jahr. Nur am Geburtstag gibt es frei.

„Mathe fällt mir nicht in den Schoß“, sagt die Siebtklässlerin und lächelt. Hier habe sie mit sehr viel Übung gelernt, Flüchtigkeitsfehler auszumerzen. Heidi Kramer, eine zierliche, fröhliche Frau, betreibt das Lerncenter. Zuvor hatte die Lehrerin eine ähnliche Einrichtung in Gransee (Oberhavel) etabliert, war aber aufgrund der Nachfrage in die Kreisstadt gezogen. 20 bis 25 Kinder besuchen ihre Nachhilfe.

Die 59-Jährige unterrichtete Deutsch und Geschichte zu DDR-Zeiten, arbeitete nach der Wende als Sozialpädagogin. Als vor zehn Jahren der Verlust ihres Jobs in einem Weiterbildungsinstitut drohte, wollte sie sich selbstständig machen. Die Idee kam ihr, als sie eine Kandidatin in der TV-Show „Wer wird Millionär“ sah. Diese stellte sich als Kumon-Lehrerin vor. „Das Konzept hat mich sofort gefesselt“, sagt sie.

Die Grundlage legte in den 1950er-Jahren der japanische Gymnasiallehrer Toru Kumon. Er entwickelte für seinen Sohn Takeshi spezielle Übungsmaterialien, damit dieser seine Schwierigkeiten im Rechnen überwindet. Die Anstrengungen fruchteten. Seine Frau entwickelte daraus eine Geschäftsidee.

„Kumon ist wie Sport, man muss täglich trainieren, um voranzukommen“, sagt Kramer. Dabei gehe es neben Schnelligkeit um Gründlichkeit. „In der Schule haben Lehrer nicht die Zeit, die Aufgaben immer wieder zu vertiefen“, sagt sie. Die Mathe-Einheiten gehen auf ein ausgeklügeltes Stufensystem zurück. Jeden Tag legt Kramer ein Set mit 130 Aufgaben vor. In elf Minuten sollten diese gelöst sein. Schon Erstklässler zählen zu ihren Kunden, die ältesten Schüler stehen vor dem Abitur.

Sie arbeite im optimalen Lernbereich, sagt die Pädagogin. Niemand werde überfordert, niemand unterfordert. Eltern schreiten nach ihrer Erfahrung meist erst ein, wenn die Defizite auf den Zeugnissen ablesbar sind. „Vor allem ein plötzlicher Leistungseinbruch lässt die Alarmglocken schrillen.“

Dagegen sei Nachhilfe bei manchen Lehrern nicht hoch angesehen. Kritik am außerschulischen Lernen kann Kramer nicht nachvollziehen: „Ein Musiklehrer hat auch nichts dagegen, wenn Schüler privat ein Instrument lernen“, argumentiert sie. Eltern und Schüler müssten etwas Geduld bei der Nachhilfe aufbringen, nach einem halben Jahr stellten sich Erfolge ein, versichert sie. 80 Euro kostet der Monatsbeitrag in Oranienburg.

Nachhilfe ist längst ein umkämpfter Markt: In Deutschland gibt es laut Erhebungen 4000 Anbieter, die jährlich 1,2 Milliarden Euro erwirtschaften. Vor allem Gymnasiasten werden in die Institute geschickt. Zwei Drittel der Nachhilfeschüler wollen sich in Mathematik verbessern.

Dabei ist die Notwendigkeit der Privatstunden umstritten. „Im Unterricht schöpfen viele Schüler ihre Potenziale nicht aus und sind lernunwillig“, sagt die stellvertretende Landesvorsitzende des Philologenverbandes, Gabriela Kasigkeit. „Wenn Nachhilfe von den Eltern bezahlt wird, geht es doch. Das ist erstaunlich.“ Nach ihrer Auffassung bieten Lerngruppen mit Freunden eine Alternative. Außerdem sollten Eltern mit ihren Kindern schulische Aufgaben üben. „Man muss sich manchmal die Zeit nehmen.“

Ähnlich sieht es Hartmut Stäker, Chef des Brandenburger Pädagogenverbandes. „Nachhilfe kann punktuell helfen, darf aber nicht zum Regelfall werden.“ Es wäre fatal, so Stäker, wenn der Geldbeutel über den Schulerfolg entscheide. Dass die Abitur-Noten nicht schlechter werden, zeigt die Statistik des Bildungsministeriums. So steigt die Zahl der Eins-Nuller-Abiturienten seit Jahren. 178 Brandenburger Schüler erreichten 2014/2015 diesen optimalen Abschluss.

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