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Fit für Resozialisierung : Radiogruß an die „Brechstange“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Es gibt Arbeitsplätze, Fußball, Kurse im Knast. Im Männergefängnis im brandenburgischen Heidering sind auch Moderatoren am Werk.

svz.de von
erstellt am 20.Jun.2017 | 05:00 Uhr

Die Gitter vor den Fenstern sehen sie nicht mehr. Konzentriert beugen sich Bülo, Erkan, Andy und Victor (so nennen sie sich) im Knast-Studio über Soundprogramme, sprechen Texte ins Mikrofon und stellen die nächste „Musik-Wunschkiste“ zusammen. Sie führen auch Interviews für die Rubrik „Neues aus der Anstalt“ mit Tipps für den Knastalltag. Im Berliner Gefängnis Heidering im brandenburgischen Landkreis Teltow-Fläming machen Gefangene Radio für Gefangene. Das Projekt „Radio Prison Beat“ gehört zu den Raritäten in deutschen Gefängnissen.

Es gibt auch Grüße an die „Brechstange“, einen zuhörenden Mitgefangenen. „Die Kollegen freuen sich, wenn man sie in der Sendung erwähnt“, freut sich Erkan, der dreieinhalb Jahre wegen organisierten Drogenhandels absitzt. „Hier vergesse ich meinen Frust, ich verschwinde in Gedanken vorübergehend aus dem Gefängnis und schaffe etwas – das gibt mir Zufriedenheit, wenn ich zurück in meine Zelle muss“, sagt der 34-Jährige. Und ganz selbstbewusst: „Ich habe vor, nach der Haft als DJ weiterzumachen. Den Künstlernamen hab ich schon: Black Beard (Schwarzer Bart). Den Namen sollte man sich merken.“ Da grinsen auch die anderen. Bülo (29) ist schon seit Anfang 2016 dabei. Er habe sich wegen der Musik für die Mitarbeit beworben.

Anfangs habe er keine Ahnung gehabt und es sei auch komisch gewesen, die eigene Stimme zu hören. Aber von Mitgefangenen Feedback, ein Schulterklopfen zu bekommen, tue gut. Andy, verurteilt wegen Fahrens ohne Führerschein, findet Radiomachen „besser, als die Wände anzustarren“. Und: „Dabei lernt man sich ganz anders kennen.“ Der 41-Jährige, der auch in der Theatergruppe mitmacht, hat schon mal ein Zwei-Stunden-Programm über die Band Depeche Mode produziert.

Heidering ist ein modernes Gefängnis mit knapp 650 Plätzen, umgeben von ländlicher Idylle. Die Investition mit viel Glas wurde auf ein Berliner Grundstück im Nachbarland Brandenburg nahe Großbeeren gesetzt. Mitte 2013 kamen die ersten Gefangenen. Der Neubau habe die Chance geboten, für die Freizeit der Gefangenen ein Radiostudio einzurichten, sagt Leiterin Anke Stein. Da Gefangene auch entlassen werden, ändert sich von Zeit zu Zeit auch die Radiomannschaft. Die Plätze sind begehrt.

Hardrock, französischer Rap, türkische Volksmusik - die Insassen können Wünsche einreichen. Die „Musik-Wunschkisten“ sind am beliebtesten, sind sich alle einig. „Frauenverachtende und rechtsextreme Inhalte werden aber aussortiert“, betont AB. Der Tontechniker mit dem Künstlernamen ist seit dem Start des Projekts 2014 dabei und kommt zweimal in der Woche von draußen zu den Radiomachern.

„Das ist hier eine Arbeit auf Augenhöhe. Erstaunlich, wie schnell sich die Herren in die Programme eingearbeitet haben“, meint der 57-Jährige. „Es ist noch nie einer auf die Idee gekommen, Bockmist zu machen.“ Und die „Herren“ versichern, dass es auch untereinander keinen Streit gebe.

Die Sendungen werden vorproduziert und regelmäßig in das laufende Programm „eingeschlauft“, wie AB sagt. „Radio Prison Beat“ ist täglich über Fernseher in den Hafträumen zu hören. Dazu gibt es Einblendungen mit dem Programm.

Die Recherche ist nicht so einfach, denn Telefon und Internet sind im Gefängnis tabu. Die freie Journalistin Klara Niederbacher hilft den Autodidakten mit ihrem Wissen und geprüften Informationen, die sie von draußen mitbringt. „Von den Gefangenen kommen viele eigene Ideen“, freut sich die 26-Jährige. Fängt ein neuer Sportkurs an, kann der vorgestellt werden, ebenso ein Verhaltenstraining gegen Gewalt oder Ratschläge zum Schuldenabbau. Besprochen wird das bei den monatlichen Redaktionssitzungen. „Die Gefangenen profitieren, wir profitieren“, sagt Stein.

Gefangene fit zu machen für ein straffreies Leben nach der Haft, sei Ziel der Resozialisierung, so die Leitende Regierungsdirektorin. Kern des neuen Strafvollzugsgesetzes sei, Perspektiven aufzutun. Das Gefängnisradio helfe dabei. „Zum Beispiel frei zu reden – das kann man doch für eine Bewerbung gut gebrauchen.“

Stein findet das Programm „sehr, sehr wichtig“ weil damit auch Sprachbarrieren überwunden werden. Es gebe mit Hilfe von Dolmetschern Beiträge in polnisch, arabisch, türkisch, vietnamesisch, englisch, französisch. Rund die Hälfte der Gefangenen ist nichtdeutscher Herkunft.

Neben der Arbeit würden viele der Insassen erst im Gefängnis Freizeit-Verhalten lernen, sagt Stein. „Wir wissen aus der Erfahrung, Langeweile verleitet zu Straftaten.“ In Heidering mit 220 Bediensteten könnten Gefangene Halt über Strukturen finden. Die Anstalt bietet auch Teil-Ausbildungen für handwerkliche Berufe und diverse Freizeit-Angebote wie Ethik-Unterricht, Theater-Gruppe, Siebdruck, Yoga-Gruppe, Fußball, PC-Kurse oder Gottesdienste. Für die 14 externen Kräfte, die Strafgefangene in der Freizeit anleiten, gibt es im Jahresetat 50000 Euro.  
 

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