Bilanz : Problematisches Storchenjahr

Bernd Ludwig, Landeskoordinator für den Weißstorchschutz in Brandenburg, hier am Rangsdorfer See.
Bernd Ludwig, Landeskoordinator für den Weißstorchschutz in Brandenburg, hier am Rangsdorfer See.

Der Adebar-Nachwuchs fiel in den verschiedenen Regionen Brandenburgs sehr unterschiedlich aus.

svz.de von
01. September 2017, 05:00 Uhr

Die Weißstörche haben Brandenburg in diesem August früher verlassen als sonst. Das war nicht die einzige Besonderheit in einem Jahr, in dem es mancherorts zwar mehr Nachwuchs bei den Adebaren gab als 2016, in zahlreichen Gegenden aber auch nicht.

Vor gut einer Woche hat Bernd Ludwig den letzten Storch am Rangsdorfer See (Teltow-Fläming) unweit seiner Wohnung im Süden von Berlin gesehen. „Ich konnte beobachten, dass er nicht mehr viel Nahrung für den langen Flug nach Afrika gefunden hat“, berichtet der 78-Jährige. Der frühere Biologie- und Chemielehrer dürfte der Brandenburger mit dem meisten Wissen über Störche sein. Seit 1964 ist er ehrenamtlicher Landesbetreuer für den Weißstorchschutz, seinerzeit noch im Kulturbund der DDR und seit 1990 innerhalb des Naturschutzbundes Deutschland (NABU).

Auch wenn ihm noch nicht alle Kreisbetreuer ihre diesjährigen Beobachtungsdaten gemeldet haben („Das kann bis Oktober dauern, weil alle sehr gewissenhaft sind.“), ist sich Ludwig schon jetzt sicher, dass 2017 „insgesamt kein gutes Storchenjahr“ war. „Am Anfang war es die Kälte in den Durchzugsländern von der Türkei und Bulgarien bis nach Tschechien und Polen, die dafür sorgte, dass viele Vögel spät bei uns eintrafen“, sagt der 78-Jährige. Statt wie sonst ab Ende März seien viele Paare erst im April zusammengekommen, was eine erfolgreiche Paarung verhinderte, zumal es hierzulande im Frühjahr auch noch sehr kühl und trocken war und deshalb Nahrung fehlte.

Im europäischen Storchendorf Rühstädt etwa haben von 31 Paaren nur 19 gebrütet. Später sah es vielerorts so aus, als könnten die Paare, bei denen drei oder gar vier Junge geschlüpft waren, die Ausfälle der Nichtbrüter ausgleichen. „38 Jungtiere sind in diesem Jahr durchgekommen und können zum ersten Zug ansetzen. Der Starkregen hat uns in diesem Jahr zugesetzt, da haben wir sieben Jungtiere verloren. Der Rest ist stark genug für die Reise, hoffe ich“, so Storchenexperte Jürgen Herper aus Rühstädt.

„Der Starkregen am 22. Juni machte vielerorts der Hoffnung auf ein gutes Storchenjahr ein Ende“, bedauert Ludwig. Zahlreiche Jungtiere, die schon zu groß waren, als dass sie von den Altstörchen noch bedeckt werden konnten, seien völlig durchnässt worden und anschließend in der Kühle erfroren. Dieses Szenario spielte sich etwa in der Gegend von Oranienburg (Oberhavel) und in der Uckermark ab. Allein im Nationalpark Unteres Odertal wurden 33 Jungstörche tot aufgefunden.

Freilich gab es auch erfreuliche Ausnahmen, etwa im Altkreis Seelow, wo 106 Jungtiere in diesem Jahr 77 aus dem vergangenen Jahr gegenüberstehen. Oder auch im Oberbarnim rings um Eberswalde, wo 23 Paare Junge hatten, statt nur 19 wie in der vergangenen Saison.

„Insgesamt war es aber schon das dritte schlechtere Jahr in Folge“, so Ludwig. 2014 – dem letzten guten Jahr – waren noch 1424 Horstpaare gezählt worden, die im Durchschnitt 1,8 Junge aufzogen. Bis 2016 schrumpften die Werte auf 1284 Paare mit im Durchschnitt 1,4 Jungtieren. „Und auch in diesem Jahr wurde der Wert von 2,0 Jungtieren, der ein sehr guter wäre, weit verfehlt“, ist sich Ludwig nach dem Eingang der ersten Daten sicher.

Zwar will der erfahrene Ornithologe daraus noch keine langfristige Tendenz ableiten („Auch 1998 und 1999 folgten nach mehreren schlechteren Storchenjahren gleich zwei gute.“), insgesamt ist aber kaum noch verkennbar, dass die positive Entwicklung aus den 1990er- und 2000er-Jahren zu Ende ist.

Ludwig kann mit langfristigen Datenreihen aufwarten. „1934 fand überhaupt die erste internationale Storchenzählung statt“, berichtet er. Damals seien auf dem Gebiet des heutigen Brandenburgs 1527 Horstpaare registriert worden. Der Zweite Weltkrieg sorgte dann für einen starken Rückgang. „In der DDR wurden 1958 in den Bezirken Potsdam, Frankfurt (Oder) und Cottbus 721 Paare gezählt.“ Allerdings sei dies eine unvollständige Zählung gewesen, was für ihn – als damals jungen Mann – auch einer der Gründe gewesen sei, sich für den Schutz der stolzen Tiere zu engagieren.

Nach der deutschen Einheit war es dann zu einem besonderen Interesse an den Störchen gekommen. Und da die Landwirtschaft noch nicht so intensiv wie heute betrieben wurde, stieg der Bestand fast wieder auf das Vorkriegsniveau.

„Dort, wo Mais oder Raps angebaut und Pestizide verwendet werden, gibt es für die Störche aber kein Futter mehr zu holen, außerdem können sie in diese Felder gar nicht rein“, klagt der 78-Jährige. Klee- oder Luzerne, in denen sich auch Mäuse wohlfühlten, würden aber kaum noch angebaut. „Zum Glück haben wir in Brandenburg die Feuchtgebiete entlang von Oder, Spree, Elbe und anderen Flüssen“, ist Ludwig froh, der sich übrigens auch über einen Nachfolger für sein Ehrenamt freuen würde. Auch wenn man sich vielerorts auf Bauernhöfen oder bei Gaststätten einen Storchenhorst wünscht („Was nicht immer sinnvoll ist, denn vielleicht gibt es ja in der Nähe schon ein anderes Brutpaar, mit dem es zu Kämpfen kommen könnte.“), lasse das ehrenamtliche Engagement für den Natur- und Vogelschutz bei den heute Jüngeren nach. Trotzdem sei Brandenburg nach wie vor mit Abstand das Bundesland mit den meisten Störchen. „In Mecklenburg-Vorpommern, das auf Platz zwei folgt, gibt es nur noch 800 Paare.“

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