Klinik : Potsdams doppelte Corona-Krise

Corona-Hotsport Ernst-von Bergmann-Klinikum.
Corona-Hotsport Ernst-von Bergmann-Klinikum.

Das Bergmann-Klinikum muss nicht nur um das Leben Dutzender Corona-Patienten sondern auch gegen viele positive Tests kämpfen

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22. April 2020, 05:00 Uhr

Oliver von Riegen

Nach dem Ausbruch des Coronavirus im Klinikum Ernst von Bergmann sucht Potsdam Wege aus der Krise. Der Aufsichtsrat des größten Potsdamer Krankenhauses tagte am Dienstag hinter verschlossenen Türen, um über die Zukunft der Geschäftsführung zu beraten. Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) schlägt nach Medienberichten vor, die zweiköpfige Klinikspitze für ein halbes Jahr zu beurlauben - und eine Kommission soll untersuchen, wie es zu der Krise kommen konnte. Am Mittwoch berät der Hauptausschuss der Stadtverordnetenversammlung über das weitere Vorgehen.

Die Klinik, die nach Angaben der Stadt etwa eine halbe Million Menschen in der Region versorgt, ist der Corona-Hotspot in Brandenburg, die Landesregierung zeigt sich besorgt. Seit Mitte März häuften sich Fälle von Infizierten. Am Dienstag wurden noch 59 Corona-Patienten behandelt, davon elf auf der Intensivstation. Bisher starben 39 Corona-Patienten, wie das Klinikum mitteilte.

Am letzten März-Wochenende berichtete die Klinik über eine auffällige Zahl Corona-positiv getesteter Patienten, von denen die Mehrheit jedoch keine Symptome aufweise. Daraufhin testete das Haus alle stationären Patienten - das erhöhte die Zahl der Corona-Infizierten erneut. Daraufhin trennte die Klinik die Corona-Patienten von denen, die nicht infiziert waren. Seit 1. April verhängte die Stadt einen Aufnahmestopp, nur Notfälle dürfen herein.

Daraufhin kamen Experten des Robert Koch-Instituts nach Potsdam, die unter anderem vorschlugen, das Ernst von Bergmann als zentrale Covid-19-Klinik einzurichten. Das lehnte die Stadt ab. Die Experten kritisierten auch, dass es Umzüge ganzer Stationen und Bereich gab - dabei könne es noch zu weiteren Virus-Übertragungen gekommen sein.

Der Oberbürgermeister kündigte am 7. April Ordnungswidrigkeitsverfahren der Stadt gegen drei leitende Ärzte und zwei Geschäftsführer an. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob sie sich strafbar gemacht haben - es geht um Meldepflichten.

Schubert bewertete es später positiv, dass die Klinik am letzten März-Wochenende Maßnahmen ergriff - aber es fehlte seiner Ansicht nach an noch mehr Transparenz. Mitte April drohte die Stadt dem Klinikum dann mit einem Zwangsgeld, wenn es geforderte Daten zum Coronavirus-Ausbruch in der Einrichtung nicht übermittelt.

Am vergangenen Wochenende räumte die Klinikspitze erstmals Versäumnisse ein, nachdem der Hauptausschuss des Stadtparlaments intern tagte. „Im Zeitraum vom 13. bis 26. März ist im Klinikum Ernst von Bergmann eine kritische Entwicklung im Rahmen der Corona-Pandemie nicht ausreichend erkannt worden“, teilte die Geschäftsführung mit.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bezeichnet die Stimmung unter den Beschäftigten des Klinikums laut einem Sprecher als „derzeit sehr angespannt.“

Bevor der Aufsichtsrat tagte, wurde bekannt, dass die Virologin Sigrid Baumgarte die Klinik verlassen hat - schon nach wenigen Tagen als Verstärkung im Krisenstab. Eine Sprecherin erklärte, dem Klinikum stehe kurzfristig der Hygienefacharzt und Virologe Andreas Knaust als externer Experte zur Seite, der bei Labor Berlin - einem Unternehmen von Charité und Vivantes - als Leiter Diagnostik Mikrobiologie wirkt. Knaust kennt die Klinik: Er war bis September 2017 Chefarzt für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene in Potsdam.

Es gibt bei alldem auch gute Nachrichten: Seit über drei Tagen kam kein Todesfall mehr in der Klinik hinzu.

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