DDR-Geschichte wird ausgelöscht : Potsdam als Idyll

Ein Bohrfahrzeug steht  auf der Baustelle der Garnisonkirche in Potsdam.
1 von 4
Ein Bohrfahrzeug steht auf der Baustelle der Garnisonkirche in Potsdam.

Neubau in der historischen Mitte geht in die entscheidende Phase. 2018 soll die alte Fachhochschule fallen und der Turm der Garnisonkirche in die Höhe wachsen

svz.de von
09. Januar 2018, 12:00 Uhr

Wieland Eschenburg steht die Freude ins Gesicht geschrieben. „Das ist derzeit das größte Kirchbau-Vorhaben in Deutschland“, strahlt der Vorstand der Stiftung Garnisonkirche. Nach jahrzehntelangen Diskussionen um den Nachbau des 1968 auf Geheiß der DDR-Führung gesprengten Turms der einstigen Militärkirche haben Ende Oktober die Bauarbeiten für das Fundament begonnen. Dafür werden 38 Betonpfähle 38 Meter tief in die Erde gerammt. „Das ist so tief, da sind an anderen Orten die Kirchtürme nicht so hoch“, erklärt Eschenburg stolz. Nach der Fertigstellung soll die Wetterfahne auf dem Turmhelm in 90 Metern Höhe den höchsten Punkt markieren.

Nur wenige hundert Meter entfernt von dem unter Potsdamern und Christen bundesweit umstrittenen Aufbau der Garnisonkirche wird am Alten Markt mit dem Abriss der alten Fachhochschule ein Stück DDR-Geschichte ausgelöscht. In der Garnisonkirche sehen die Gegner ein verhasstes Symbol des preußischen Militarismus, in der im März 1933 mit dem Handschlag zwischen Reichspräsident Paul von Hindenburg und dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler die Verbrüderung des Bürgertums mit den Nationalsozialisten vollzogen worden sei. Die christlichen Kritiker sehen daher in der Garnisonkirche einen „Sehnsuchtsort der Neuen Rechten“.

Und der Abriss der Fachhochschule, die in den 1970er Jahren erbaut wurde, ist für die Gegner eine vertane Chance, im Stadtzentrum eine Begegnungsstätte für die Bürger und ein Schaufenster für die zahlreichen Potsdamer Wissenschaftsinstitute einzurichten. Stattdessen sollen dort nun Wohn- und Geschäftshäuser mit teils barocken Fassaden entstehen. „Die Antwort auf Stadtentwicklung besteht nicht nur in Wohnen und Geschäften“, betont André Tomczak, Sprecher der Initiative „Stadtmitte für alle“. In dem Gebäude könnte ein Zentrum mit Bildungsangeboten und auch einem Nachtleben entstehen, meint er. „Das belebt den Platz sicherlich mehr als so ein paar preisintensive Geschäfte und Cafés.“

Die geballte Re-Barockisierung von Potsdams historischer Mitte stößt auch bei Städteplanern in ganz Deutschland auf Widerspruch. „Make Potsdam schön again“ ätzte im Frühjahr die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über die – aus ihrer Sicht – Bemühungen von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) und anderen zugezogenen „dekoseligen Wessis“, den „Ossis“ zu zeigen, welche Kultur in der Stadt zu herrschen habe. Als Belege werden auch das wieder errichtete Landtagsschloss im barocken Gewand und der benachbarte Nachbau des Palasts Barberini als Museum genannt.

Die Zeitung wertete den Umbau als heftiges Beispiel für einen neuen deutschen Neokolonialismus: „Er hat etwas von der Großkotzigkeit des Mercedesfahrers, der dem Fahrer des Trabants vor sich mit Lichthupengewittern zu verstehen gibt, dass er seinen automobilähnlichen Scherzartikel bitte umgehend von der linken Spur zu entfernen habe.“ Tomczak drückt dies etwas differenzierter aus: „Es geht darum, Potsdam als eine Art Idyll festzuschreiben, als Symbolbild der guten alten Zeit, als es noch einen König gab und Staat und Gesellschaft noch überschaubarer waren.“

Bis zum März wird die Fachhochschule nur im Innern entkernt – und solange hofft die Initiative noch auf ein Umdenken in der Stadtspitze und in der Stadtverordnetenversammlung. Die Initiative will das Gebäude am 24. Februar mit Licht in Szene setzen und bei einem „Fest der Möglichkeiten“ alternative Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen: Für Initiativen sowie kulturelle und sportliche Angebote. Allerdings sind Tomczaks Hoffnungen eher gering. „Es sind Mehrheitsentscheidungen der Stadtverordnetenversammlung, die jetzt durchgesetzt werden. Man will bis zur Kommunalwahl 2019 Fakten geschaffen haben.“

Den Gegnern des Wiederaufbaus der Garnisonkirche, zu denen auch eine christliche Initiative und die Martin Niemöller Stiftung gehören, bleibt nur die Hoffnung, dass der Stiftung das Geld ausgeht. Denn finanziert sind mit Mitteln der Bundesregierung und Krediten der Evangelischen Kirche bislang nur 26,1 Millionen Euro. Dafür soll der Turm mit zweieinhalb Millionen Ziegelsteinen Stein auf Stein bis zur Aussichtsplattform in 57 Metern Höhe aufgemauert werden. Für die rund zwei Millionen Euro teure Turmhaube, Glocken und allerlei barocken Zierrat muss die Stiftung auf weitere Spenden von insgesamt mindestens neun Millionen Euro hoffen, räumt Eschenburg ein. Doch er ist zuversichtlich, dass die Spenden fließen, „wenn sich auf der Baustelle erstmal die Kräne drehen.“ Auch bei Projekten wie dem Belvedere auf dem Potsdamer Pfingstberg und dem Berliner Humboldt Forum seien die Spenden erst nach Baubeginn richtig geflossen.

„Wenn sie nur bis Meter 57 kommen und sie dann die Kredite an die Kirche zurückzahlen müssen, dann sehen wir schon die Gefahr, dass die Stiftung insolvent wird“, meint dagegen Simon Wohlfahrt von der Initiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“. Dann könne die unvollendete Ruine ein Mahnmal für verfehlte Demokratie werden. Denn der Gedanke der Versöhnung, den die Stiftung in der Kirche fördern will, sei schon durch den Bau des Turms widerlegt, urteilt er.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen