zur Navigation springen

Wenn man keinen im Viertel kennt : Portal für eine gute Nachbarschaft

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Helfer, Tipps, Angebote und Veranstaltungen – Berliner Firma bietet auch in Brandenburg virtuelles Netzwerk für den Heimatort

svz.de von
erstellt am 12.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Für viele Menschen nimmt das Lebenstempo stetig zu, sie werden mobiler und verlieren darüber den Draht zur Nachbarschaft. Die Macher des Portals nebenan.de wollen das ändern und auch in Brandenburg hilfsbereite Menschen miteinander vernetzen.

„Alles ok bei euch oder habt ihr Sturmschäden?“ Natürlich war auch bei nebenan.de das Unwetter das große Thema. Es entwickelte sich eine Diskussion, wie man kurzfristig an eine Säge kommt oder wie die Regulierung von Schäden am besten klappt. Ein paar Einträge weiter unten bietet jemand ein gebrauchtes Bett zum Kauf an, ein Mann lädt zu Live-Musik im Café um die Ecke und eine Frau zum Flohmarkt vor ihrem Haus, weil sie auszieht und einiges loswerden möchte. Andere haben für einen Euro pro Stück Heckenpflanzen abzugeben: „Müssten selbst ausgegraben werden, geht ganz leicht.“

Was halt so läuft unter Nachbarn – oder lief, weil viele Gegenden Zuzug erleben und neue Anwohner beruflich viel unterwegs sind, es kaum direkten Kontakt zum Umfeld gibt. Hier will nebenan.de Abhilfe schaffen. 2015 hat das in Berlin ansässige Start-up-Unternehmen angefangen und nach eigenen Angaben bisher bundesweit 600 000 Menschen in 4000 Nachbarschaften vernetzt. „Es geht uns um Nähe und Gemeinschaft, um Hilfe und Miteinander. Das unterscheidet uns zum Beispiel von Facebook“, so Mitgründerin Ina Brunk (34).

Wie das Netzwerken funktioniert, schildert Götz Hirche. Der 45-Jährige ist vor zwei Jahren aus dem Prenzlauer Berg an den nördlichen Berliner Stadtrand gezogen. „Mit Tennis war es vorbei. Meine bisherigen Mitspieler sind weit weg, hier kannte ich niemand“, erzählt er. Über nebenan.de fand er einen Tennisspieler in der Nachbarschaft, mit dem er nun regelmäßig auf dem Platz steht. Als ihm vor ein paar Wochen reichlich spät einfiel, dass die Essensversorgung für die Einschulungsparty seines Sohnes noch gar nicht geklärt ist und er im Nachbarschaftsnetz einen Hilferuf absetzte, konnte jemand einen super Caterer empfehlen.

Größere Nachbarschaften dieser Art in Brandenburg gibt es laut Ina Brunk bislang etwa in Velten, Oberkrämer, Frankfurt (Oder) und Petershagen-Eggersdorf. „Wir geben eine Starthilfe. Aber es muss sich herumsprechen, damit möglichst viele Leute mitmachen“, sagt sie. Wer in seinem Ort eine solche Nachbarschaft ins Leben rufen will, kann über das Portal Einladungen an Leute aus der Umgebung verschicken.

Drei Hürden sorgen dafür, dass das Netz nicht wild wuchert und Trolle ferngehalten werden, also Nutzer, die im Schutze der Anonymität Unsinn verbreiten. Bei nebenan.de muss man sich mit dem Klarnamen anmelden und die eigene Adresse mit Ausweis oder offiziellem Schriftstück verifizieren lassen. Zudem ist ein Austausch mit anderen wirklich nur in der jeweiligen Nachbarschaft möglich. „Wir haben Geografen, die die Gebiete zuschneiden“, sagt Ina Brunk. Da die Reißbrettmethode den örtlichen Gegebenheiten nicht immer gerecht wird, können Nutzer darum bitten, die Grenzen anders zu ziehen.

Jene kostenlose, aber zunächst vielleicht kompliziert anmutende Anmeldeprozedur ist in den Augen der Gründer entscheidend für das Gelingen. „Natürlich vergreift sich mal jemand im Ton, aber Hetze gibt es bei uns nicht, weil die Nutzer unter ihrem wirklichen Namen schreiben“, sagt Ina Brunk. So könne man die „drei goldenen Regeln“ des Portals hochhalten: „Sei nett! Sei ehrlich! Sei hilfsbereit!“

Inzwischen arbeiten in Berlin 35 Menschen bei dem Start-Up, das derzeit von Investoren finanziert wird. „Wir wollen in einer zweiten Stufe Einnahmen erzielen und davon die Gehälter bezahlen“, blickt die Mitgründerin voraus. Örtliche Handwerker, Ladenbesitzer oder Physiotherapeuten sollen auf dem Portal für ihre Dienste werben können. Frühestens in einem Jahr werde es damit losgehen, schätzt Ina Brunk.

Die Herausforderung für die Berliner: Auch andere haben erkannt, dass via Internet organisierte Nachbars Nachbarschaftshilfe eine gute Idee ist. Seit dem Sommer hat das US-Portal Nextdoor einen deutschen Ableger. Es könnte also zum Wettlauf um das beste Projekt kommen.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen