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Brachiale Flucht : Polizisten skrupellos überfahren

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Nach mutmaßlichem Mord an seiner 79-jährigen Großmutter überrollt der 24-jährige Tatverdächtige auf der Flucht zwei Beamte. Sie sterben noch an der Unfallstelle.

svz.de von
erstellt am 28.Feb.2017 | 20:45 Uhr

Drei Menschen soll ein 24-jähriger Mann am Dienstag im Landkreis Oder-Spree getötet haben. Erstes Opfer ist seine 79-jährige Großmutter aus Müllrose. Auf der Flucht vor der Polizei überfuhr der Tatverdächtige auf der Bundesstraße 87 zwischen Oegeln und Beeskow zwei Polizisten. Die Beamten starben noch an der Unfallstelle.

Vor dem kleinen gelben Haus in Müllrose flattert das rot-weiße Absperrband der Polizei im Wind. Der Zugang ist abgesperrt. Kriminaltechniker in weißen Anzügen sind im Haus bei der Arbeit. Am Vormittag hat es dort unweit des Sportplatzes einen lauten Streit zwischen der 79-jährigen Marianne G. und ihrem Enkelsohn Jan G. gegeben. Die Rentnerin hat an dem Tag Geburtstag – sie wird den Tag nicht überleben. Der Enkel soll der Frau die Kehle mit einem Messer durchgeschnitten haben. Nachbarn alarmieren den Rettungsdienst.

Tatverdächtiger vermutlich unter Drogen

Die Hintergründe für das Verbrechen sind bis zum Abend nicht vollständig geklärt. Es gibt Vermutungen, dass der Tatverdächtige unter Drogen stand. Nicht das erste Mal, wie sich herausstellen wird. Kriminaltechniker der Spurensicherung mit weißen Schutzanzügen und schwarzen Koffern betreten an dem sonnigen Tag das Haus, um Spuren eines Gewaltverbrechens zu sichern. Alles wird genau untersucht, Beweismaterial wird in beigefarbene Säcke gepackt und an der Hauswand zwischengelagert. Am frühen Abend tragen zwei dunkel gekleidete Bestatter-Mitarbeiter einen Holzsarg mit der Leiche schweigend hinaus.

Während die Kriminaltechniker den Tatort untersuchen, ist es in der Nachbarschaft fast schon gespenstisch still. Viele Bewohner sind arbeiten. „Was ist hier passiert?“, fragt ein Mann: „Nein, wir haben nichts mitbekommen.“ Als er den Namen des Opfers und die Hausnummer hört, meint er nur. „Die Frau hat mal beim Forst gearbeitet.“ Auch eine ältere Frau ist schockiert, als sie erfährt, dass Marianne G. umgebracht wurde. „Die ist hier fast täglich mit dem Auto vorbeigefahren“, erzählt sie. „Aber ansonsten haben wir nicht viel gesprochen.“ Das Opfer wohnte ihr zufolge schon mindestens seit den 1970er-Jahren in der Straße – in den vergangenen Jahren wohl allein. Das Haus der Tochter gleich nebenan sei erst später gebaut worden. „Mit dem großen Enkelsohn gab es immer mal Ärger“, erzählt sie weiter. Vermutlich auch wegen Drogen. Bei der Polizei gibt es zahlreiche Eintragungen über Jan G.: Rauschgiftdelikte, Beschaffungskriminalität und Bedrohung.

Die Nachricht über die Tötung der Müllroser Rentnerin hatte noch nicht den Ort verlassen, da forderte der Verlauf der Tragödie in dem Beeskower Ortsteil Oegeln zwei weitere Todesopfer. Verfolgt von der Polizei raste der Täter mit seinem dunklen Honda in zwei Polizeibeamte, die den Wagen an einem Kontrollposten stoppen wollten. Die dicken Bäume am Straßenrand bei Oegeln bilden eigentlich optimale Möglichkeiten, um einen Autofahrer anzuhalten.

Mörderische Flucht endet im Schilfgebiet

Anschließend versuchte der Tatverdächtige mit einem anderen Wagen, den er in Oegeln einem Bauunternehmer abgezwungen hatte, zu entkommen. Dabei habe er noch den Wagen des Anwohners Christian Stockenberg beschädidgt: „Ich stand dem Täter Auge in Auge gegenüber und stand dann wie festgewurzelt da. Ich bin froh, dass mir nichts passiert ist.“ Mit Vollgas sei der Mann danach weiter geflüchtet – bis in ein nahes Schilfgebiet. Dort endete die wilde Flucht, wo sich das Auto überschlug. Der Beschuldigte wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus in der Region eingeliefert.

Die Polizei sperrt die gesamte Straße für Stunden ab. Rettungswagen sind vor Ort. Zunächst will die Polizei den Tod der Kollegen nicht bestätigen. Erst sollen die Angehörigen über die schreckliche Tragödie informiert werden. „Ich habe den Krach heute Nachmittag gehört und mich erst gar nicht mehr aus dem Haus getraut“, erinnert sich Rentner Rudi Zucker.

Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ist nach Aussagen von Regierungssprecher Florian Engels noch am Nachmittag nach Fürstenwalde gefahren und hat dort über eine Stunde mit den Kollegen der Polizeiinspektion gesprochen. Woidkes Anteilnahme gelte neben den Familien der gestorbenen Polizisten auch den Angehörigen der Großmutter, betonte Engels.

In Beeskow machte die Nachricht über die schrecklichen Ereignisse im Ortsteil schnell die Runde. Dass etwas Größeres passiert sein musste, war an den unentwegten Martinshorn-Geräuschen und einem stundenlang über der Stadt kreisenden Hubschrauber zu erahnen. In der abendlichen Sitzung der Stadtverordneten riefen der Vorsitzende Sven Wiebicke und Bürgermeister Frank Steffen (beide SPD) zu einer Schweigeminute auf.

 
 

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