SPD-Nachwuchs : Politik geht auch locker

Lilly Blaudszun kommt aus Ludwigslust, sie ist frühere Vize-Chefin der Jusos in MV und studiert Jura an der Frankfurter Viadrina.
Lilly Blaudszun kommt aus Ludwigslust, sie ist frühere Vize-Chefin der Jusos in MV und studiert Jura an der Frankfurter Viadrina.

Sie schreibt lustige Twitter-Nachrichten und wurde unter die „100 wichtigsten jungen Ostdeutschen“ gewählt: SPD-Hoffnung Lilly Blaudszun

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14. November 2019, 05:00 Uhr

„Arsch hoch und SPD Thüringen wählen!“, twittert sie. Wenig später vermeldet sie, dass es sonnabends nach Mitternacht keinen schöneren Ort als den RE1 nach Frankfurt (Oder) gebe. Sie macht vorm Zug-Klo-Spiegel ein Selfie und bastelt daraus ihr Bekenntnis zu Esken/Walter-Borjans im Kampf um den SPD-Parteivorsitz. Wochentags erzählt sie vom Studentenleben an der Viadrina („in dubio Prosecco“) und holt sich einen Tadel von Renate Künast ab für das Foto vom Bundestagskantinen-„WuGu“ (Wurstgulasch) in der Assiette.

Alles auf Twitter. Zehn Nachrichten am Tag sind normal. Eine Hälfte Politik, die andere Anekdoten aus dem Leben. Meist witzig, nie plump oder anbiedernd. Auf Facebook und Instagram ist sie auch, fast 10 000 Leute folgen ihr dort. Die Rede ist von Lilly Blaudszun, 18 Jahre alt, aus Ludwigslust, frühere Vize-Chefin der Jusos in Mecklenburg-Vorpommern, seit Oktober Jura-Studentin an der Frankfurter Viadrina und in der vergangenen Woche von der „Zeit“ unter die „100 wichtigsten jungen Ostdeutschen“ gewählt. Dort ist sie in Gesellschaft von René Wilke, dem 35-jährigen Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder).

Lilly Blaudszun kam auf die Liste, weil sie sich als Teenager politisch engagiert und an die SPD glaubt. Das ist schon selten genug. Zudem kennt sie sich mit sozialen Medien aus und scheut die Öffentlichkeit nicht, ist locker drauf, ohne zu übertreiben. Diese Kombi gibt es im deutschen Politikbetrieb sonst kaum.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke hat das im Sommer erkannt, als er Lilly Blaudszun für den Social-Media-Wahlkampf der SPD einspannte. Und gestandene Sozialdemokraten aus dem gesamten Bundesgebiet gerieren sich beinahe wie Fans, wenn sie ein gemeinsames Selfie mit der jungen Frau posten. Alles auf Twitter nachzuverfolgen.

Bei so vielen Geschichten ist man dann froh, dass einem beim Treffen im Café eine normale 18-Jährige gegenübersitzt. Sie bestellt einen Pfefferminztee und erzählt, wie gut es ihr in Frankfurt gefällt. Das Nachtleben sei viel besser als in Ludwigslust, das Wohnheim auf dem Campus garantiere kurze Wege. Die Nähe zu Polen in der einen Richtung und die zu Berlin in der anderen runde das tolle Gesamtpaket ab.

Studium, Partys, Parteiarbeit, der ganze Social-Media-Kram, dazu in Berlin der Job bei einem Bundestagsabgeordneten – wie bekommt sie das hin? „Schlafen ist mir sehr wichtig. Daran spare ich nicht“, sagt sie. „Man muss sich einfach gut organisieren. Außerdem macht es mir ja Spaß. Ich will das alles so.“

Dass sie mit ihrer Art und Weise einen Nerv trifft, erklärt sie sich damit, „dass die Politik viel zu eintönig ist“. Eigentlich tolle Menschen seien in komplexen Prozessen gefangen. „Wir jungen Leute wollen da einen neuen Stil reinbringen." Dabei ist ihr klar, dass sie leicht reden hat. „Ich habe kein Amt, keine Verpflichtungen, die mich einschränken könnten.“

Ihren Kommilitonen erzählt sie nicht gleich im ersten Gespräch, dass sie in der Politik ist. „Aber sie sehen es, wenn sie auf meine Profile gehen. Das ist schon lustig, da steht dann auf einmal die Politik im Raum.“ Dann kommt es zu Debatten, aktuell vor allem über die Wahlergebnisse im Osten Deutschlands und die Bilanz 30 Jahre nach dem Mauerfall.

Lilly Blaudszun hat die DDR nicht erlebt, nicht einmal die Nach-Wende-Jahre, dennoch sind die Folgen derzeit eines ihrer wichtigsten politischen Themen. Daher findet sie die Zeit-Liste mit den „100 wichtigsten jungen Ostdeutschen“ toll. Aber dass die Liste nur in der Ost-Auflage der Hamburger Wochenzeitung erschienen ist, sei schade und auch irgendwie bezeichnend.

Die 18-Jährige sieht sich klar als Ostdeutsche. „Der Mauerfall war einer der größten Glücksfälle der Geschichte“, betont sie. Die Umbruchjahre, die komplette Neuorientierung seien schwierig gewesen, auch für Menschen, die nicht arbeitslos wurden. Das Erbe trage ihre Generation in sich, ist Lilly Blaudszun überzeugt. Heutige Teenager gehe es etwas an, wem der Osten gehöre. Oft hätten weiter Westdeutsche das Sagen, Ostdeutsche seien in Leitungspositionen unterrepräsentiert.

Ihre Generation dürfe sich damit nicht abfinden. „Wir müssen um gleiche Lebensverhältnisse kämpfen“, appelliert sie an ihre Altersgenossen im Osten. Das beginne bei Löhnen und Rente, reiche aber über finanzielle Fragen weit hinaus. Ostdeutsche müssten angemessen beteiligt werden. Das über eine Quote zu regeln, sieht sie kritisch. Ein Anfang sei, sich als Ostdeutsche und Ostdeutscher politisch zu engagieren, sich in Parteien Gehör zu verschaffen. Ein Vorbild dafür gibt es ja nun schon mal.

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