Niederdeutsch in Brandenburg : Platt „foer Kloagschieters“

Platt ist wieder schulfähig: Doris Meinke aus Prenzlau hat das Unterrichtsmaterial für die Klassen 3 und 4 nach einem mehrjährigem Praxistest an Prenzlauer Schulen erstellt.
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Platt ist wieder schulfähig: Doris Meinke aus Prenzlau hat das Unterrichtsmaterial für die Klassen 3 und 4 nach einem mehrjährigem Praxistest an Prenzlauer Schulen erstellt.

Niederdeutsch erlebt Renaissance in Brandenburger Schulen. Neues Arbeitsheft erschienen

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21. September 2017, 08:00 Uhr

Es gibt wieder Plattdeutsch im Unterricht: Was preußische Lehrer vor vielen Jahrzehnten kategorisch abgeschafft haben, wird jetzt sogar gefördert. Dazu ist pünktlich zum Schuljahresbeginn das erste in Brandenburg zugelassene Grundschul-Arbeitsheft zum Erlernen der Mundart erschienen. Es kommt aus der Uckermark.

„Voerläsen“ heißt vorlesen. Soweit kommt auch ein Uneingeweihter noch mit. „Oewersetten“ für übersetzen ist schon schwieriger. „Schriewen“ steht für schreiben und „uträken“ für ausrechnen. Die niederdeutsche Mundart klingt an vielen Stellen ausnehmend lustig: „Flimmerkist“ bedeutet Fernseher, „Broatnudln“ sind Bratkartoffeln und hinter „Höhnerküül“ verbergen sich Hühnerkeulen. „Foer Kloagschieters een poor Textupgoaven“ (Für Besserwisser ein paar Textaufgaben) lautet die Überschrift eines der vielen Kapitel für die Klassenstufen drei und vier.

Das mit munteren Zeichenfiguren von Ulrike Dahlke bebilderte Aufgabenheft schreibt Geschichte. Denn die in vielen Teilen Brandenburgs einst beheimatete Mundart war im offiziellen Schulunterricht höchst verpönt. Kinder sollten gefälligst Hochdeutsch sprechen. Heute gerät das kaum in Schriftform erhaltene Uckermärker Platt immer mehr in Vergessenheit. Nur auf den Dörfern unterhalten sich die Großeltern noch im Sprachgebrauch der Vorfahren. Und das hinter verschlossenen Türen. Genau dagegen kämpft Doris Meinke aus Prenzlau mit pädagogischer Pionierleistung. Ab sofort kann ihr in jahrelanger Arbeit entstandenes fachübergreifendes Arbeitsheft an allen Brandenburger Grundschulen – und darüber hinaus – eingesetzt werden. „Plattdütsch foer ju“ soll die Kinder spielerisch und höchst praktisch orientiert an die für sie unbekannte Mundart heranführen. Denn „Tohus is Sproak“ (Heimat ist Sprache) und „Sproak ist Tohus“ – so lautet das Leitmotiv.

Den Test hat Doris Meinke von der Zentralstelle für Sprache und Literatur der Uckermark in Prenzlau mit ihren „Kinners“ absolviert. Über einen längeren Zeitraum begleitete sie eine Klasse einer Grundschule im Unterricht, holte sich Anregungen, sprach mit den Lehrern, gab Kurse auf Platt. „Mir ist dabei sehr bewusst geworden, dass Lehrer an Schulen reichlich zu tun haben. Aber Plattdütsch ist kein Zeitverlust.“ Ganz nebenbei können die Mädchen und Jungen spielerisch Verben lernen, Zahlen, Uhrzeiten, erste Sätze. Sie erfahren viel über uckermärkische Bräuche, Rezepte, Märchen und Gewohnheiten. Zuhause hören die Eltern staunend zu, wenn der Nachwuchs auf Platt loslegt und Muddern einen „Rutsch in d‘ Pann“ machen soll. Hää? Ach so, einen Eierkuchen.

Inzwischen steht Niederdeutsch in Brandenburg als Regionalsprache unter besonderem Schutz. In der Uckermark ist das schon lange zuvor erkannt worden. Die Überlieferungen des Dichters Max Lindow, Mundartvereine und neue Literatur versuchen, die herzliche Ausstrahlung der alten uckermärkischen Sprache zu bewahren. Doch ohne Nachwuchs gelingt das nicht. Daher haben die Bürgerstiftung der Sparkasse Uckermark, das Prenzlauer Rathaus, der Verein Niederdeutsch in Brandenburg und viele Helfer das Erscheinen des Arbeitsheftes unterstützt. „Hut ab“, so die Reaktion von Schulrat Roland Klatt vom Staatlichen Schulamt. „Ich bin beeindruckt.“ Doris Meinke hofft nun, dass es endlich gelingt, der Mundartpflege ein Zeitfenster im Unterricht möglichst vieler Schulen einzuräumen.


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