Schattendasein : Plädoyer für die Peripherie

Entdeckungen: Das Verwaltungsgebäude der ehemaligen Irrenanstalt in Berlin-Buch ist ein architektonischer Hingucker.  Fotos: rainer A. W. Peters/Berlin Story Verlag
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Entdeckungen: Das Verwaltungsgebäude der ehemaligen Irrenanstalt in Berlin-Buch ist ein architektonischer Hingucker. Fotos: rainer A. W. Peters/Berlin Story Verlag

Rainer A. W. Peters hat per Rad den Stadtrand von Berlin und Teile des Speckgürtels erkundet. Nun ist daraus ein Buch geworden.

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07. September 2017, 05:00 Uhr

Der Stadtrand führt zu unrecht ein Schattendasein, findet Rainer A. W. Peters. Mit Fahrrad und Kamera ist er jahrelang durch Industriegebiete, Rieselfelder und Villenkolonien gestreift. Herausgekommen ist eine Art Reiseführer mit sozialpolitischen Hintergrundinfos.

Als Rainer A. W. Peters das erste Mal die schönen Gebäude der ehemaligen Heilanstalt in Berlin-Buch sah, war er sofort fasziniert. „Diesen liebevoll gestalteten Gebäude mit ihren heiteren Formen und Farben hatten so gar nichts von Elend und Krankheit“, erinnert sich der 71-Jährige. Der Ausflug an den nordöstlichen Stadtrand war für ihn eine Art Heimreise in unbekanntes Gebiet. Peters ist zwar 1943 in Buch geboren, aber in Charlottenburg groß geworden. Während des Kalten Krieges wurde der Ort auf der anderen Seite der Mauer für den Mediziner und Physiker fast schon zu einer Art Mythos.

Nach Studium und Anstellungen in Westdeutschland und den USA, wollte Peters nach der Wende endlich die Orte am Stadtrand erkunden, die ihm vorher so lange verschlossen geblieben waren. Ein paar schöne Sommermonate im Jahre 2012 sollten dafür genügen. Doch die Zeugnisse der Architektur-, Industrie- und Sozialgeschichte, die Peters auf seinen Streifzügen einmal rund um Berlin entdeckte, schienen so unerschöpflich, dass daraus fast fünf Jahre wurden.

Nun ist sogar ein Buch entstanden. Darin beschreibt Peters nicht nur die wechselvolle Geschichte der 1898 bis 1930 entstanden Krankenhaussiedlung des Architekten Ludwig Hoffmann, sondern führt den Leser unter anderem auch in die Hufeisensiedlung nach Britz, in die Villenkolonie Zehlendorf-West oder auf ein Rittergut nach Klein Machnow. In mehrfach bebilderten Kapiteln beschreibt der Berliner die historischen und geographischen Besonderheiten von zwanzig ausgewählten Orten. Besonders beeindrucken ihn die Rieselfelder am Rande zum Barnim, wo Naturschützer derzeit die einst schwer belasteten Böden in einen einzigartigen Lebensraum für bedrohte Tier- und Pflanzenarten verwandeln.

Doch auch die Umgebung der ewigen Flughafenbaustelle in Schönefeld überrascht ihn. „Dort ziehen Kraniche und Störche über Kanäle und Seen – ganz im Widerspruch zum drohenden Fluglärm.“

Es sind die Gegensätze, die Peters anziehen. Die Industrieanlagen in Oberschöneweide sind für ihn ein „Weltwunder“. Umso erschreckender empfindet er den Niedergang nach der Wende. Der Ort, der einst als Elek-tropolis Weltgeschichte schrieb, sei innerhalb weniger Monaten abgewickelt und zum Museum degradiert worden, bedauert der Autor.

Die Anwohner, auf die er trifft, begegnen dem Mann mit Kamera und Block anfangs mit Skepsis. Doch das Misstrauen wandelt sich schnell in Interesse und Hilfsbereitschaft. So zeigen ihm Jugendliche einen versteckten Eingang in das verwahrloste Kino Sojus in Marzahn. Einst als Bühne für Erich Honecker gebaut, tummeln sich dort nun die Vandalen. Doch anstatt Klischees zu bedienen, erkundet Peters die Großsiedlung unvoreingenommen und hebt vor allem die architektonischen Leistungen heraus. Im Vergleich zum Märkischen Viertel in Reinickendorf habe man damals im Osten an ausreichend Schulen, Sportanlagen, Kultureinrichtungen und Bahn-Anbindung gedacht, hat der Berliner festgestellt.

Im West-Pendant besuchte Peters unter anderem den Flurbalkon im 17. Stock, auf dem der Rapper Sido sein Video „Mein Block“ drehte. Obwohl der Musiker dort das Märkische Viertel besonders dramatisch als Brutstätte der Kriminalität darstellt, seien es bis heute die Ost-Hochhaussiedlung, die immer noch als „graue Platte“ diffamiert würden, kritisiert der Buchautor. Von seiner Reise entlang der ehemaligen Grenze hat er vor allem eines mitgenommen: „Erst wenn man die Fehler der Wiedervereinigung ehrlich aufarbeitet, kann es eine wirkliche Aussöhnung zwischen Ost- und West geben.“

„Am Rand von Berlin – Ein Kaleidoskop“ Berlin Story Verlag GmbH, 176 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 16,95 Euro

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