Orgel : Pfeifenputzen für den guten Klang

Orgelbaumeister Thomas Lang im Inneren der Sauer-Orgel, bei der rund 4000 Pfeifen ausgebaut werden.
Orgelbaumeister Thomas Lang im Inneren der Sauer-Orgel, bei der rund 4000 Pfeifen ausgebaut werden.

Die Sauer-Orgel in der Frankfurter Konzerthalle wird generalüberholt / Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, das ganze Konzerthaus müsste saniert werden.

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25. Juni 2020, 05:00 Uhr

Die repräsentative Sauer-Orgel mit ihren 50 Registern ist eine große Baustelle. Wo sonst Besucher den dreischiffigen spätgotischen Saal der Konzerthalle „Carl Philipp Emanuel Bach“ in Frankfurt (Oder) füllen, stehen Leitern, hängen Kabel aus der Empore, sind hölzerne Pfeifen ausgebaut und aufgestapelt. Mitarbeiter der Orgelbaufirma Sauer aus Müllrose (Oder-Spree) werkeln an Metallpfeifen auf mobilen Werkbänken. „Das Instrument wurde 1975 in unserer Firma gebaut. Nach viereinhalb Jahrzehnten muss sie gereinigt und teilweise repariert werden, da einige Töne nicht mehr exakt kamen oder gar nicht mehr funktionierten“, erklärt Orgelbaumeister Thomas Lang.

Glücklicherweise sei die Orgel mit knapp 4000 Pfeifen groß genug, um den Klang zu retuschieren und quasi „um die Störung herum“ spielen zu können. Geübte Organisten, die das Instrument und seine Tücken kennen, hätten das in der Vergangenheit so praktiziert, sagt Lang. Zwar habe die Firma Sauerorgel das Instrument regelmäßig gewartet. Aber dabei komme man nicht an alle Teile heran.

Deshalb müssen die Pfeifen - die größte ist 5,50 Meter lang und 90 Kilogramm schwer - ausgebaut und die Windladen vom Schmutz befreit werden für den richtigen Klang. Das Säubern, Richten der Stimmrollen und „Ausblasen“ der Pfeifen kann vor Ort erfolgen. Auch Risse in hölzernen Pfeifen lassen sich auf den mobilen Werkbänken schließen. Bei größeren Schäden müssten die Teile aber in die Werkstatt, sagt Lang. Registerweise würden die Pfeifen dann wieder eingebaut. Ende Juli beginnt die achtwöchige Intonation. „Denn am Ende muss die Orgel ja wieder stimmen“, betont der Orgelbaumeister.

Die Konzerthallen-Orgel bekommt auch einen neuen elektrischen Spieltisch. „Der alte hat überholte DDR-Technik. Man brauchte 18 Stecker und etliche Kabel, um den anzuschließen“, erläutert Lang, der sich an etliche Noteinsätze an den Wochenenden erinnern kann. Die Kabel seien brüchig gewesen. Der neue Spieltisch habe nur noch eine Steckverbindung, Spielhilfen für die Organisten und Speichermöglichkeiten dank digitaler Technik. Kosten für die Neuanschaffung: 92 000 Euro aus dem Haushalt der Stadt.

Weitere 90 000 Euro muss die Stadt für Reinigung, Instandsetzung und Intonation der Orgel bezahlen. Da die Arbeiten nicht mehr aufzuschieben waren, ohne den völligen Ausfall des Instruments zu riskieren, sei Geld umgeschichtet worden, das anderweitig verplant war, sagt Stadtsprecher Uwe Meier.

Die kreisfreie Stadt steht vor großen finanziellen Herausforderungen. Nicht nur die Orgel war dringend sanierungsbedürftig, auch die Spielstätte selbst ist marode. Von einem enormen Investitionsrückstau ist die Rede. „Allein für die Erneuerung der Elektroanlage in der Konzerthalle werden rund 3,3 Millionen Euro gebraucht“, macht Meier deutlich.

Seit Jahren bemühte sich die Kommune nach eigenen Angaben vergeblich um Mittel aus Förder-Programmen. Sanitäranlagen und Brandschutzvorrichtungen müssen modernisiert und der Probenraum des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt (Oder), wichtigster Mieter im Haus, renoviert werden.

„Es ist alles beengt, veraltet und zugig. Im Winter heizen wir quasi die ganze Oderpromenade“, beschreibt Christine Hellert, zuständig für das Marketing beim Staatsorchester. Problematisch von Anfang an sei die zu hallige Akustik der Konzerthalle gewesen, sagt sie. „Bei schnellen Klavierkonzerten beispielsweise verschwimmt das Filigrane der Musik, ein echter Qualitätsverlust.“ Spätestens dann wird deutlich, dass die Frankfurter Konzerthalle erst seit 1967 als solche genutzt wird. Sie wurde am westlichen Oderufer als Franziskaner-Klosterkirche errichtet, kurz nachdem das damalige „Frankenforde“ 1253 Stadtrecht erhalten hatte. Sie galt bis 1945 als eine der größten Hallenkirchen der Mark Brandenburg. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges begann der Verfall, bis der Rat der Stadt das Gotteshaus per 99 Jahre laufendem Pachtvertrag von der evangelischen Kirche übernahm.

Das Sternnetzgewölbe an der Decke des großen Saals lässt die Geschichte des Hauses erahnen. „Jede Orgel wird genau für den Raum konzipiert, für den sie gedacht ist“, sagt Orgelbaumeister Lang. In der von Meister Wilhelm Sauer 1857 gegründeten Traditionsfirma, die ursprünglich in Frankfurt (Oder) ihren Sitz hatte, wird derzeit das 2277. Exemplar gebaut und im August nach St. Pölten in Österreich geliefert. Die restaurierte Orgel der Frankfurter Konzerthalle soll am 19. November wieder bei der Sonntagsmatinee des Brandenburgischen Staatsorchesters vor Publikum erklingen.

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