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Panorama BB

14. Dezember 2017 | 09:18 Uhr

Zwischen Leben und Tod

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Hans-Joachim Jäschke erlebte den Krieg als Kindersoldat in Polen / Der Rückzug gen Westen wurde zur Odyssee

svz.de von
erstellt am 20.Feb.2015 | 18:58 Uhr

Mit 16 Jahren wurde Hans-Joachim Jäschke von der Wehrmacht als Flakhelfer eingezogen. Kein anderes Jahr in seinem Leben sei so dramatisch, furchtbar und lebensbedrohend verlaufen, sagt der 86-Jährige heute.

Es ist der 18. Januar 1945, früh am Morgen. Ausgehungert und erschöpft steigt Hans-Joachim Jäschke von dem Lkw, auf dem er die ganze Nacht hindurch mitfahren durfte. Über holprige Feldwege war es nur langsam vorangegangen. Aber immerhin war Jäschke einige Kilometer gen Westen gekommen. Nun musste es der Junge wieder zu Fuß weiter schaffen. Auf einer Rollbahn reiht er sich in eine endlos scheinende Kolonne Flüchtender ein, jeder mit sich selbst beschäftigt – stumm vor Entsetzen, Hunger, Durst und Eiseskälte. „Ein erschreckendes Bild“, erinnert sich Jäschke. Der Marsch sei immer wieder unterbrochen worden, wenn sowjetische Schlachtflieger angriffen. Wer konnte, suchte in diesen Momenten Schutz im Straßengraben.

Zwei Tage zuvor war Jäschke der Vernichtung seiner Flak-Batterie auf freiem Feld nahe Mileszki bei Litzmannstadt (Lodz) im besetzten Polen entkommen. Die Winteroffensive der Roten Armee gegen die deutsche Wehrmacht hatte gerade begonnen, da verkündete Jäschkes Batteriechef völlig unvermittelt: „Es macht keinen Sinn, dass wir hier alle verrecken.“ Die Neuen, die erst im Dezember ’44 zu der Truppe gestoßen waren, sollten versuchen, sich nach Westen durchzuschlagen.

Unmittelbar danach begann Jäschkes Odyssee – eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod. Der gebürtige Schlesier war gerade einmal 16, als er von der Schulbank an die Front zog. Ein Kindersoldat. Allerdings habe es keinen Widerstand in ihm gegen die Einberufung gegeben, räumt der 86-Jährige ein. „Wir alle in der Klasse waren darauf erpicht, an einer Flak – Fliegerabwehrkanone – zu stehen und möglichst erfolgreich auf feindliche Bomberverbände zu schießen.“ Hans-Joachim Jäschke ist Jahrgang 1928. Er gehört einer Generation an, die schon als Kinder fanatisch den Parolen des Nationalsozialismus gefolgt ist. Und Reichsführer-SS Heinrich Himmler sprach es in seiner Posener Rede am 4. Oktober 1943 offen aus: „Man kann selbstverständlich Sechzehnjährige einziehen, man kann sogar einen Vorgriff auf Fünfzehnjährige machen. Ich bin absolut dafür, dass wir das (...) tun, wenn es das Schicksal der Nation einmal fordert. Denn besser es sterben die fünfzehnjährigen Jungens, als dass die Nation stirbt.“

Jäschke musste schon bald nach seinem Rückzug erfahren, dass viele seiner Kameraden von Mileszki ums Leben gekommen waren – darunter auch Luftwaffenhelfer, die wie er gerade einmal 16 waren. Er selbst hatte immer wieder großes Glück. Am 21. Januar erreichte er das Haus seiner Eltern in Vorbrücken nahe Glogau an der Oder. 320 Kilometer hatte er im Kriegschaos zurückgelegt. „Die Wiedersehensfreude war natürlich überwältigend“, erzählt der rüstige Senior. Allerdings währte das Glück nicht lange. In jenen Tagen war Glogau zur Festung erklärt worden. Auch Jäschke wurde aufgefordert, seine Heimat zu verteidigen. Während des siebenwöchigen Kampfes wurde er Ende März verwundet und kam ins Lazarett. In der Nacht zum 1. April, es war die Nacht der Kapitulation, lag er voller Angst vor den Russen in seinem Feldbett. Doch er blieb dank seiner Verletzung unbehelligt. Alle, die laufen konnten, wurden hingegen als Gefangene abtransportiert. „Unter dem Kopfkissen eines Verwundeten fanden sie eine Pistole. Er wurde noch im Bett liegend erschossen“, erzählt Jäschke und hält kurz inne. Er selbst sei einige Monate später in eine ehemalige Panzerkaserne am Stadtrand von Sagan (Zagan) verlegt worden. Dort stieß er Anfang Oktober ’45 auf eine gutmütige Militärärztin, die ihn ob seines jungen Alters entließ. „Ich war überglücklich.“

Jäschkes Eltern waren inzwischen aus der alten Heimat in die Niederlausitz umgesiedelt. In einer Suchstelle erfuhr er die neue Adresse. „Die Freude über das lang ersehnte Wiedersehen lässt sich gar nicht in Worte fassen“, sagt der 86-Jährige, der nach dem Krieg Jura und Maschinenbau studierte, als Professor an der Universität lehrte und heute mit seiner Frau in Neuenhagen wohnt. Inzwischen hat er über sein 16. Lebensjahr ein Buch geschrieben. Er wollte sich die schrecklichen Erlebnisse von der Seele schreiben. Vor allen Dingen habe er junge Menschen davor warnen wollen, jemals in den Krieg zu ziehen. „Es gibt keine abscheulichere Auseinandersetzung zwischen Menschen als den Krieg.“

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