zur Navigation springen

Zur Zahn-OP nach Warschau

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Kuren und ärztliche Behandlungen für Ausländer gibt es in Polen schon länger, jetzt wirbt man auch mit hochentwickelter Medizin

Durch eine Glaskuppel dringt angenehmes Tageslicht ins Foyer. Zwischen Kunstwerken und einem Klavier laden Sitzgruppen zum Verweilen ein. Die Auslagen der Apotheke erinnern fast an einen Mode-Laden. „Sind wir in einem Krankenhaus oder einem Hotel?“, fragen sich die Besucher des „Medicover Hospitals“ in Warschau.

Loic Fretard, der aus Frankreich stammende Geschäftsführer der Klinik im Warschauer Nobel-Stadtteil Wilanow, genießt die Verwunderung seiner Gäste. Dabei hat er ihnen „das am modernsten ausgestattete Diagnostikzentrum der Hauptstadt“, die hochgerüsteten Operationssäle und die Gästezimmer mit Flachbild-Fernsehern noch gar nicht gezeigt.

Das vor fünf Jahren von schwedischen Investoren errichtete Haus ist gerade zum „Besten Internationalen Hospital Polens“ gekürt worden. Und fast scheint es so, als würden einige der Schwestern und Ärzte gar auf Patienten warten, weil gerade nur die Hälfte der 180 Betten belegt ist.

Freilich wird kaum eine der hier durchgeführten Behandlungen von der öffentlichen polnischen Krankenkasse NFZ finanziert. „Im vergangenen Jahr haben wir 8500 Ausländer operiert. Die meisten davon sind als Geschäftsleute oder Diplomaten in Warschau tätig. Aber viele kommen auch extra aus dem Ausland zu uns“, berichtet Fretard. Außer Westeuropäern und Amerikanern seien dies vor allem Russen, Türken, Georgier oder Araber. „Und durch die unsichere Lage in der Ukraine rechnen wir mit noch mehr Patienten“, erzählt der Franzose offen.

Worin deren Interesse besteht, wird deutlich, als er einige Pauschalpreise von Behandlungen verrät: „Bei uns kostet eine Hüftgelenkoperation mit sechstägigem Aufenthalt 6100 Dollar. In Großbritannien zahlt man dafür um die 10 000 Dollar, in den USA noch dreimal mehr.“ Neben Herz- und anderen medizinisch notwendigen Behandlungen werden aber auch viele Schönheits-OPs durchgeführt. 900 Zloty – das entspricht etwa 220 Euro – kostet das preiswerteste Zimmer pro Tag.

Das „Medicover Hospital“ ist so etwas wie die Sechs-Sterne-Einrichtung unter den zahlreichen privaten Kliniken, die in den vergangenen Jahren zwischen Oder und Weichsel entstanden. Vor kurzem startete die Regierung zudem eine Kampagne, um den Medizintourismus zu fördern. Diese ist vor allem auf die skandinavischen Länder, Großbritannien, die USA, Deutschland und Russland ausgerichtet, wo man gezielt auf Messen auftritt und bei den nationalen Krankenkassen um Unterstützung wirbt.

„Andere Länder wie Ungarn oder die Türkei haben viel früher damit begonnen, aber aufgrund des hohen professionellen Niveaus unserer Mediziner sehe ich gute Chancen“, sagt Magdalena Rutkowska. Die Zahnärztin hat ihren Beruf an den Nagel gehängt und arbeitet als Fachberaterin für die Kampagne. Ein Anliegen ist zudem, die Abwanderung guter Ärzte ins Ausland zu bremsen.

Auch der Kardiologe Tomasz Deptuch ist von seinem eigenen Können und dem seiner Kollegen überzeugt. Der 43-Jährige arbeitet für die Kette „American Heart of Poland“, die im Süden und Westen des Landes bereits 30 Kliniken und Kuranlagen betreibt. Der vorbeugende Herz-Check für 600 Zloty ist dort das preiswerteste Angebot, Bypass-Operationen mit fünftägigem Aufenthalt kosten dagegen 22 600 Dollar. Die Tatsache, dass viele Ärzte und Schwestern die besser bezahlte Arbeit in einer Privatklinik der Beschäftigung im öffentlichen Gesundheitssystem vorziehen, ist für Deptuch „ein Problem, für das die Politik Verantwortung trägt“.

In Polen gibt es nur eine einzige Krankenkasse – den nationalen Gesundheitsfonds NFZ –, in die rein theoretisch alle Erwerbstätigen zusammen mit dem Arbeitgeber 7,5 Prozent des Bruttoverdienstes einzuzahlen haben. Doch aufgrund des relativ geringen Durchschnittslohns und der vielen Fälle von Schwarzarbeit, in denen gar keine Beiträge abgeführt werden, reichen die den Ärzten und öffentlichen Krankenhäusern zugeteilten Budgets hinten und vorne nicht. In der Praxis führt das dazu, dass viele Menschen notgedrungen Leistungen auf eigene Kosten zahlen.

„Als ich kürzlich Zahnschmerzen hatte, stellte mich der Arzt vor die Wahl, vier Wochen auf einen Termin zu warten oder mir für 300 Zloty (75 Euro) den Zahn sofort zu ziehen“, berichtet ein polnischer Journalist. Natürlich habe er das Geld ausgegeben. Viel schlimmer aber sei es, wenn Patienten, bei denen der Hausarzt etwa den Verdacht auf eine Tumor-Erkrankung hat, monatelang auf die Untersuchung durch Spezialisten warten müssen.

Ähnlich wie bei den Operationen im Krankenhaus ist auch bei den Zahnbehandlungen der Abstand zu den Preisen in den skandinavischen Ländern sowie den USA und Großbritannien noch größer als der zu den Kosten in Deutschland. „Die deutschen Patienten haben zudem den Vorteil, dass sie einen Teil der Kosten auch bei den gesetzlichen Kassen abrechnen können“, weiß Gonczowski. Dafür sei es allerdings notwendig, sich den von der Klinik ausgestellten Behandlungsplan vorab von der Kasse bestätigen zu lassen.

Wie bei den sehr beliebten Kuren gibt es auch bei Zahnbehandlungen gerade in der Grenzregion zu Deutschland sehr viele Angebote. Weil deren Qualität, die Preise und die Sprachkenntnisse der Ärzte recht unterschiedlich sind, empfiehlt es sich, wenn man sich an mehreren Orten erkundigt.

Im Unterschied zu skandinavischen Ländern ist der deutsch-polnische Medizintourismus keine Einbahnstraße. Nicht nur Krankenhäuser und Ärzte in den Grenzstädten von Schwedt bis Görlitz, sondern auch in anderen Orten haben Patienten aus dem Nachbarland. Dabei geht es nicht nur um in Polen verbotene Schwangerschaftsabbrüche, sondern auch um Geburten und andere Behandlungen. Zwar sieht eine von der EU verabschiedete „Patientenmobilitätsrichtlinie“ vor, dass die Bürger grundsätzlich eine grenzüberschreitende Wahlfreiheit für Krankenhausleistungen haben sollten. Die polnische Kasse zahlt ihren Mitgliedern die Leistungen im Ausland bisher aber nur, wenn sie im Land nicht gleichwertig verfügbar sind.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen