Ungewollt Schwanger : Zum Abtreiben nach Brandenburg

Der Arzt fürGynäkologie und Geburtshilfe, dem die Frauen vertrauen, Janusz Rudzinski,   sitzt in einem Behandlungsraum im Kreiskrankenhaus Uckermark. Immer mehr Frauen kommen aus dem Nachbarland zu ihm.
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Der Arzt fürGynäkologie und Geburtshilfe, dem die Frauen vertrauen, Janusz Rudzinski, sitzt in einem Behandlungsraum im Kreiskrankenhaus Uckermark. Immer mehr Frauen kommen aus dem Nachbarland zu ihm.

Immer mehr polnische Frauen suchen Hilfe in deutschen Kliniken. Legaler Schwangerschaftsabbruch ist in Polen selten möglich. Und es gibt noch viel mehr Probleme.

svz.de von
11. März 2014, 12:00 Uhr

Ihr Weg nach Prenzlau (Uckermark) ist weit: Verzweifelte schwangere Frauen kommen aus Krakau, Bialystok oder Danzig und suchen Rat bei Janusz Rudzinski. Im vergangenen Jahr hat der polnische Arzt, der am Krankenhaus Prenzlau arbeitet, rund 1000 Abtreibungen vorgenommen. „Die Tendenz ist steigend“, sagt der Mediziner. „In Polen muss eine Lösung des Problems gefunden werden.“

Die Verzweiflung der Frauen, die bei Rudzinski Hilfe suchen, ist groß – und doch sind sie bei Weitem besser dran als rund 150 000 andere Polinnen, die jährlich eine illegale Abtreibung vornehmen lassen. Wer das Geld hat, fährt in eine Klinik ins Ausland. Den anderen bleibt nur ein illegaler Abbruch und das damit verbundene gesundheitliche Risiko und die Angst vor dem Gesetz.

Nur 500 bis 600 Schwangerschaften im Jahr werden in Polen offiziell abgebrochen – nach einer Vergewaltigung, bei Gefahr für das Leben der Schwangeren oder schwerer Schädigung des Fötus ist es erlaubt. Doch selbst im Fall eines schwerstbehinderten Kindes haben viele Ärzte nicht den Mut, die legale Abtreibung vorzunehmen, klagen Frauenrechtlerinnen.


Misstrauen zwischen Ärzten und Patienten


Viele Ärzte haben Angst, fürchten den Druck der Kirche“, sagt Romuald Debski, Leiter einer Frauenklinik in Warschau. Auch er war schon mit Protestaktionen von Abtreibungsgegnern konfrontiert, die Klinikmitarbeitern und schwangeren Frauen anklagend Großaufnahmen von Embryonen entgegenstrecken.

Laut und sichtbar sind die Abtreibungsgegner auch auf den „Märschen für das Leben und die Familie“. Im vergangenen Jahr scheiterte ein Bürgerbegehren, das Abtreibung unter Strafe stellen sollte. Ein Abgeordneter der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit erregte vor zwei Jahren Aufsehen mit der Forderung, vergewaltigte Frauen sollten im Falle einer Schwangerschaft nicht abtreiben.

„Der Arzt darf nicht helfen“, beschreibt Rudzinski das Dilemma. Gehe eine Schwangere zum Arzt, wisse sie nicht, ob sie zu ihm Vertrauen haben könne. Der Arzt wiederum könne sich nicht sicher sein, ob die Frau das Gespräch nicht vielleicht aufzeichne und der Staatsanwaltschaft übergebe. „So schweigen sie im Zimmer und schreiben sich Zettel“, sagt Rudzinski. Danach vernichte der Arzt die Zettel, damit es keine Beweise gebe. „Es besteht kein Vertrauen zwischen Patientin und Arzt. Das ist eine Katastrophe.“ Der Arzt habe Angst vor der Patientin und diese vor dem Arzt.

Viele Schwangere, die kein Kind wollen, würden daher zu Medikamenten greifen, um die Schwangerschaft zu beenden. Dann bekämen sie Blutungen und glaubten, das sei schon der Abbruch. „Doch dann stellen sie fest, der Bauch wächst“, sagt der Arzt. Das Kind könne dadurch Schäden davontragen. „Das ist ein großes Problem.“ Von den Frauen, die bei ihm Hilfe suchen, hätten etwa drei Viertel zuvor auf so ein Medikament gesetzt.

Dass der Arzt im grenznahen Prenzlau (Uckermark) hilft, erfahren viele Polinnen über das Internet. Zu ihm kämen Studentinnen, Schülerinnen, auch Schauspielerinnen und Journalistinnen, sagt Rudzinski. Eine Abtreibung in Prenzlau kostet 450 Euro. „Das müssen die Betroffenen selbst bezahlen.“

Rudzinski würde zwar auch lieber Kaiserschnitte statt Abbrüche vornehmen. Dennoch sei er froh, den Frauen helfen zu können, wenn Gefahr für ihre Gesundheit und ihr Leben besteht, sagt er.

„In der Verantwortung sind in Polen der Staat und die katholische Kirche.“ Rudzinski betont: „Es macht keinen Spaß, Abtreibungen vorzunehmen.“

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