Tierische Obduktionen : Wölfe auf dem Seziertisch

Die Tierärzte Guido Fritsch und Claudia Szentiks betrachten die 3D-Ansicht eines Skelett von einem toten Wolf.
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Die Tierärzte Guido Fritsch und Claudia Szentiks betrachten die 3D-Ansicht eines Skelett von einem toten Wolf.

In Berlin untersuchen Wissenschaftler auch die Todesursache von märkischen Wildtieren – oft im Auftrag der Polizei.

svz.de von
28. Juli 2014, 15:33 Uhr

Der Kadaver von Knut war bislang der aufwändigste Fall für Claudia Szentiks. Die Tierärztin leitete eine tagelange Obduktion des Eisbären, sezierte jedes einzelne Organ und fand letztlich heraus, dass ein Virus das Hirn des beliebten Zoo-Tiers befallen hatte. Erst im Januar wurde die dreijährige wissenschaftliche Untersuchung der Todesursache endgültig abgeschlossen.

Jetzt steht die zierliche Veterinärin erneut im Blickpunkt. Die Mitarbeiterin des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung ist allerdings eher als Kriminalistin gefragt: Sie soll Spuren für die Kriminalpolizei in Sachsen liefern, Spuren an einem erschossenen Wolf. Das tote Tier war jüngst in einem Straßengraben im Kreis Bautzen entdeckt worden. Fünf Stunden dauerte die Obduktion in Berlin. Darüber hinaus wurden Schmauchspuren und Verletzungen dokumentiert sowie die verwendete Munition gesichert. Von einem Täter fehlt bislang noch jede Spur.

Rund ein Fünftel der in den vergangenen fünf Jahren bundesweit tot aufgefundenen 77 Wölfe sei durch Kugeln gestorben, berichtet Szentiks. Allein in diesem Jahr wurden schon 15 Kadaver in das Institut gebracht – so viel wie im gesamten Jahr 2013. Meistens werden Wölfen jedoch Verkehrsunfälle zum Verhängnis. Aber auch dann findet eine Obduktion statt. „Wir wollen erfahren, ob sie von Krankheiten oder Parasiten befallen sind“, erklärt Szentiks. „Bislang hat sich aber herausgestellt, dass die Tiere bis zu ihrem Tod kerngesund waren.“ So habe es noch keinen Tollwut-Fall gegeben.

Die Obduktion ist gleichzeitig ein wichtiger Baustein der Wolfsforschung. Ausgestattet wurde das Institut daher mit einem der modernsten Computertomografen, in dem selbst Platz für Elefanten ist. „Unsere Arbeit ist immer ein Zusammenspiel unterschiedlicher Experten“, sagt die Tierärztin. So würden selbst die Mägen toter Wölfe von Fachleuten untersucht, um Rückschlüsse auf ihr Fressverhalten zu ziehen. Ein Labor analysiere DNA-Proben. Letztlich ergebe sich ein Gesamtbild, wie Wölfe in freier Wildbahn leben, so Szentiks.

Die hohe Zahl von getöteten Wölfen in den vergangenen Monaten ist aus Sicht von Szentik gleichzeitig ein Indiz, dass die Population nach wie vor ansteigt. Allerdings werden nicht alle Kadaver gefunden. Das Institut geht von einer gewissen Dunkelziffer illegal erschossener Wölfe aus. Zudem gestalten sich die Ermittlungen der Täter schwierig. Nur einmal in Hessen hatte sich ein Jäger der Polizei gestellt und behauptet, er habe den Wolf für einen streunenden Hund gehalten. Ob er die Wahrheit sagte, blieb unklar. „Man konnte es zumindest nicht widerlegen“, so Szentik. Verwechslungen bei Jägern kämen ja immer wieder vor, sagt die Veterinärin und zieht die Augenbrauen hoch. „In Brandenburg ist auch mal ein Pony für ein Wildschwein gehalten worden. Es wurde einfach erschossen.“

Doch nicht nur die streng geschützten Wölfe, deren Ausbreitung in Brandenburg schon für ausgiebige politische Debatten sorgte, sondern auch Luchse, Waschbären, Fledermäuse, Fische und Vögel werden im Institut auf ihre Todesursache oder auf Krankheiten untersucht. Ein Schwerpunkt der Obduktionen sind Seeadler, die häufig an Bleivergiftungen sterben – Dutzende Fälle ereigneten sich in der Mark. „Sie stehen am Ende der Nahrungskette. Das wird ihnen mitunter zum Verhängnis“, erklärt Oliver Krone, Kollege von Szentik. Winzige Munitionspartikel finden sich immer wieder im sogenannten Aufbruch, den Innereien erlegter Tiere, die von Jägern im Wald zurückgelassen werden und von Greifvögeln gefressen werden. Sind diese Partikel aus Blei, können sie dazu führen, dass die Vögel qualvoll sterben. „Das ist mittlerweile die häufigste Todesursache bei Seeadlern“, sagt der Tierarzt, der allein 600 tote Adler obduziert und toxikologische Untersuchungen vorgenommen hat. Doch die Forderung von Forschern und Naturschützern, Bleimunition vollständig zu verbieten, wurde auch in Brandenburg bislang nicht umgesetzt. „Wir haben eine Verantwortung der gesamten Natur gegenüber. Das gilt auch für Jäger“, betont Krone.

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