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Naturheilkunde, Vegetarismus – so fing alles an : „Wir sind nackt und nennen uns Du!“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Neue Sonderausstellung mit dem Titel „Einfach.Natürlich.Leben Lebensreform in Brandenburg 1890-1939“ in Potsdam.

Ein großes Aktfoto zeigt zwei Mädchen mit wohlgestalteten Körpern inmitten eines blühenden Gartens in Werder. „Schönheit“ hieß die Zeitschrift, aus der dieses Foto stammt. Darin warb der Aktfotograf und Herausgeber Karl Vanselow um 1903 für eine Ästhetik des Natürlichen. Das Foto zweier nackter Männer, die lässig an einem Ruderboot lehnen, wirbt hingegen auch für sexuelle Freiheiten. Es entstammt dem ersten Schwulenmagazin der Welt, herausgegeben von Adolf Brand. „Wir sind nackt und nennen uns Du“, lautet der programmatische Titel einer Schrift der Nacktkolonie am Motzener See. Er belegt die Bedeutung der Freikörperkultur als Teil einer neuen Lebensform vor 100 Jahren.

Die Sonderausstellung „Einfach. Natürlich. Leben. Lebensreform in Brandenburg 1890-1939“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam greift ein Thema auf, das auch heute wieder im Trend liegt und führt es zurück auf seine historischen Wurzeln. „Wir teilen mit der Generation vor 100 Jahren den Eindruck eines Kontinuitätsverlustes, verbindliche Lebensmuster gelten nicht mehr“, stellt die Kuratorin, die Germanistin Christiane Barz fest. An 15 Stationen stellt die Schau Orte und Menschen vor, die bereits um 1900 nach alternativen Lebensentwürfen suchten.

Im Mittelpunkt stehen zentrale Strömungen wie Naturheilkunde, Vegetarismus, Nacktkultur und Siedlungsbewegung als Reaktionen auf Industrialisierung und Urbanisierung. Die Ausstellung ist Teil des Themenjahres Kulturland Brandenburg 2015 „gestalten – nutzen – bewahren. Landschaft im Wandel“. Insgesamt 252 Exponate, vor allem Fotografien, Gemälde, Grafiken, Bücher und Zeitschriften, aber auch Gebrauchsgegenstände, Kunsthandwerk und Film, illustrieren auf 500 Quadratmetern die Vielfalt der Lebensreformbewegungen von der Kaiserzeit bis zum Zweiten Weltkrieg.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts waren im Umkreis der rasant wachsenden Industriemetropole Berlin zahlreiche Landkommunen, Nacktkolonien, Reformschulen und Gartenstädte entstanden. Die Ausstellung beginnt bei der Gründung des Friedrichshagener Dichterkreises 1890. Die Dichterkolonie vor den Toren der Stadt wurde zum Anziehungspunkt für die literarische Moderne, in ihrem Umkreis war auch Adolf Brands Schwulenmagazin „Der Eigene“ angesiedelt.

Weitere Titel wie Wilhelm Bölsches „Liebeslieben in der Natur“ und Julius Herts „Der neue Gott“ zeugen von religiös aufgeladener Naturschwärmerei.

Lebenspraktischer waren Siedlungsprojekte wie die 1893 gegründete Obstbaukolonie Eden bei Oranienburg, die noch heute existiert, oder die Freiland-Siedlung Gildenhall bei Neuruppin. Ein originales Siedlungsschild warnt Besucher Edens vor Zigaretten- und Alkoholgenuss, ein Plakat wirbt für ein Fleichersatz-Produkt und vegetarische Ernährung. Den von Werkbund und Bauhaus inspirierten Künstlern in der Freilandsiedlung Gildenhall bei Neuruppin hingegen ging es mehr um ästhetische Reformen, wie Keramik und Möbel belegen.

Neben bekannten Strömungen wie dem „Wandervogel“, der größten Jugendbewegung in der Weimarer Republik, thematisiert die Schau esoterische Lebensreformansätze, etwa in der Siedlung „Rotes Luch/Grünhorst“, wo sich Wanderprediger wie Gusto Gräser, der Mitbegründer der Kolonie Monte Verità in Ascona, niederließen oder mit dem Wanderprediger Gustav Nagel, der knappgeschürzt, barfuß, mit langen Locken und freiem Oberkörper wirkt, als gehöre er eher zur Hippiebewegung der 60er Jahre. Trotz der Radikalität seiner gelebten Reformideen, zu denen auch eine eigene Phonetik gehörte, überstand er die Nazi-Zeit relativ unbeschadet, erst die DDR entledigte sich des lästigen Friedenspropheten. Er wurde für geistig verwirrt erklärt und in eine Heilanstalt eingewiesen, wo er 1952 starb.

Der zeitliche Bogen der Ausstellung endet mit dem Reformpädagogen Adolf Reichwein, der heute vor allem als Opfer des NS-Widerstands bekannt ist. 1933 von den Nationalsozialisten von seinem Professorenposten enthoben und zum Volksschullehrer degradiert, entwickelte er in Tiefensee ein Schulmodell, das ganzheitliche Pädagogik mit dem Konzept praktischen Lernens verband. Eine Konstruktionsanleitung für ein Flugzeugmodell und ein Lehrfilm über Flugzeuge zeigen, dass er moderner Technik durchaus aufgeschlossen war.

Und schließlich macht die Ausstellungsarchitektur mit dem Höhepunkt einer großen Sonnenwand diese vor allem mit Büchern und Fotos argumentierende Schau zu einem durchaus sinnlichen Erlebnis.

Denn auch das wollten die Lebensreformer: Die Menschen animieren, ihre Umwelt mit allen Sinnen wahrzunehmen.

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