zur Navigation springen

Wie Neustädter Europa erfunden haben

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Mit Festumzügen, Fußball-Turnieren und Kochbuch: Eine Arbeitsgemeinschaft erfüllt den europäischen Gedanken mit ganz viel Leben – auch in Brandenburg

svz.de von
erstellt am 08.Sep.2014 | 15:58 Uhr

Sie sind überall; unweit der Prignitz gibt es gleich mehrere Orte namens Neustadt: im Süden Neustadt/Dosse (Ostprignitz-Ruppin), im Norden, nahe Ludwigslust, Neustadt-Glewe. Noch weiter nördlich findet sich Neustadt in Holstein. Damit nicht genug: In Bayern liegen allein sieben Neustädte. Auch in Österreich, Ungarn, Polen und Tschechien gibt es Orte mit diesem Namen. Sie alle eint mehr als nur die gemeinsame Bezeichnung. Man kennt sich, man trifft sich: Auch im Februar werden wieder Neustädter in andere Neustädte fahren, um Neustädter zu besuchen – so, wie es viele von ihnen auch den Rest des Jahres bei verschiedenen Gelegenheiten tun.

Die Neustädter in Deutschland und Europa sind verbunden durch persönliche Beziehungen, Freund- und Bekannschaften. Es gibt Treffen der Feuerwehren, Austausch unter Künstlern, gemeinsame Fußball-, Handball- und Volleyball-Spiele. Einmal im Jahr, beim offiziellen Neustadt-Treffen, kommen gar Hunderte zusammen, Jung und Alt, um miteinander zu reden, zu lachen und zu feiern. Völkerverständigung zwischen Hüpfburg und traditionellen Tänzen. Ein bisschen Frieden am Bratwurststand. Einfach so.

„Weil’s Spaß macht“, antwortet dann auch Sabine Ehrlich, Bürgermeisterin von Neustadt/Dosse, wenn man sie fragt, warum die Neustädter tun, was sie da tun. Mehr als 900 von ihnen aus ganz Europa hatten sich im vergangenen Jahr am Pfingstwochenende in Ehrlichs Stadt zum 36. Neustadt-Treffen versammelt. Offizieller Höhepunkt war ein großer Festumzug, bei dem die Bewohner der Neustädte ihre Heimatorte präsentierten – mal als große Gruppe mit Pauken und in traditionelle Gewänder gehüllt, mal als Grüppchen in Freizeitkleidung, nur mit dem Stadtwappen ausgerüstet. „Jeder wie er kann“, sagt Ehrlich. Jedes Neustadt hat schließlich seine individuellen Merkmale.

„Bei uns werden Pferde erwartet, weil wir halt die ,Stadt der Pferde’ sind. Also gibt’s für unsere Besucher die Hengstparade“, erläutert Ehrlich. Konkurrenzgedanken hege niemand. Es gehe um etwas ganz anderes: „Ich hatte mich schon die ganze Zeit darauf gefreut, wieder Leute zu treffen, die ich zum Teil seit 20 Jahren kenne.“


Die ersten Jahre und die Ost-Erweiterung


Begonnen haben die Treffen der Neustädter im Jahr 1979. Der Bürgermeister von Bad Neustadt an der Saale lud die Vertreter anderer deutscher Städte und Gemeinden gleichen Namens zum Stadtfest ein. „Dem haben am Anfang alle gesagt: ,Da kommt doch kein Mensch!’“, erzählt Volker Petri, Chef der Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft Neustadt in Europa. „Aber dann sind tatsächlich alle 16 Bürgermeister angereist.“ Nach und nach wurde die Idee einer Partnerschaft weiter ausgebaut. Nur zu den Neustädten in der DDR bekam man keinen Kontakt. Erst im März 1990 gab es ein erstes gemeinsames Treffen in Neustadt am Rennsteig (Thüringen). Noch im selben Jahr traten acht Neustädte aus den neuen Bundesländern der Arbeitsgemeinschaft bei.

Der nächste Meilenstein war die Aufnahme von Mitgliedern außerhalb Deutschlands. „Wir sind an andere Länder herangetreten und haben vor Ort unsere Idee erläutert. Als wir die Tschechen und Ungarn gefragt haben, war die Reaktion: ,Jetzt sind wirklich angekommen und in Europa akzeptiert!’“, berichtet Petri, der seit 1984 bei jedem Treffen dabei war.

Inzwischen haben sich 37  Städte und Gemeinden mit mehr als einer halben Million Menschen zur größten Städtepartnerschaft Europas zusammengeschlossen. Es gibt einen Neustadt-Pass, in dem man sich seine Besuche abstempeln lassen kann. Ein Kochbuch versammelt typische Rezepte aus den verschiedenen Regionen. Petri: „Politiker reden immer viel über ein gemeinsames Europa – wir leben das schon seit 1979 ganz praktisch.“


Eine Idee, die auch bei Jugendlichen ankommt


Die Arbeitsgemeinschaft versucht weiter, Neustädte aus anderen europäischen Ländern zu gewinnen. Schließlich gibt es auch in Frankreich und der Schweiz potenzielle Partner. „Natürlich geht es auch um die Förderung von Tourismus innerhalb Europas“, sagt Bürgermeisterin Ehrlich. Doch auch wenn sich beim jährlichen Neustadt-Treffen auch die Bürgermeister der verschiedenen Orte treffen, spiele klassische Politik dabei keine Rolle. „Das ist eher wie ein Verwandtschaftstreffen.“

Vielleicht ist gerade das ein Grund für den Erfolg der Arbeitsgemeinschaft: keine komplizierten Verhandlungen, keine abstrakten Verträge oder unbequemen Gesetze, sondern persönlicher Austausch. Von Euopäer zu Europäer. Unter diesen Vorzeichen klappt’s womöglich auch mit der Jugend. Petri jedenfalls sagt, bei den jüngsten Neustadt-Treffen habe er immer mehr junge Menschen gesehen.

Beim Treffen in Brandenburg waren auch polnische Schüler aus Neustadt an der Pilica dabei. Die Fahrt war eine Belohnung für die besten Leistungen im Englischunterricht, erklärten die mitgereisten Lehrerinnen. Mit der Prinz-von-Homburg-Schule in Neustadt/Dosse pflegt man eine Brief- und E-Mailpartnerschaft. Mit Neustadt bei Coburg (Bayern) gibt es ein Austauschprogramm. 2016 werden die Polen selbst das Neustadt-Treffen ausrichten, nach Neustadt am Rübenberge (Niedersachsen) – die nächstes Jahr dran sind.

Und auch die folgenden Jahre sind durchgeplant. Bis 2025 sind schon alle Termine vergeben. Kein Wunder: Neustadt ist schließlich überall.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen