patientenberater : Wenn die Kasse knausrig ist

Andrea Fabris ist Ansprechpartnerin bei der Unabhängigen Patientenberatung, die zur Verbraucherzentrale gehört.
Andrea Fabris ist Ansprechpartnerin bei der Unabhängigen Patientenberatung, die zur Verbraucherzentrale gehört.

„Manchmal ist es auch unsere Aufgabe, Verständnis für die medizinischen Grenzen zu wecken“, sagt die Patientenberaterin nach dem Telefonat.

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06. Juni 2015, 10:00 Uhr

Ein Mann ist am Telefon, dessen Mutter im Krankenhaus liegt. Die Ärzte können wohl keine klare Diagnose stellen. Das ärgert den Sohn, und deshalb will er Rat von Andrea Fabris. Mehr als 20 Minuten hört die 42-Jährige aufmerksam zu, stellt Rückfragen, gibt Tipps für das Gespräch mit den Ärzten, und kann den Anrufer doch nicht zufrieden stellen. „Manchmal ist es auch unsere Aufgabe, Verständnis für die medizinischen Grenzen zu wecken“, sagt die Patientenberaterin nach dem Telefonat. „Es kann sein, dass es keine Diagnose dafür gibt, dass mir der Fuß weh tut.“

In vielen Fragen können die drei Berater, die in einem Büro am Potsdamer Hauptbahnhof sitzen, aber konkrete Hilfe leisten. Und das kostenfrei. Die Bandbreite der Anfragen reicht vom Umgang mit möglichen Behandlungsfehlern und der Suche nach dem besten Krankenhaus bis zum Frust über Krankenkassen-Bescheide, den Ärger über lange Wartezeiten auf einen Arzttermin und Zweifel an von Medizinern angebotenen kostenpflichtigen Zusatzleistungen.

Für ihre Antworten studiert Andrea Fabris Gerichtsurteile und Rundschreiben von Krankenkassen-Spitzenverbänden, vor allem aber „das Sozialgesetzbuch 5 rauf und runter“. Oft laute der Rat an Anrufer oder Besucher der Beratungsstelle: „Kämpfen Sie! Sie sind im Recht!“ Ein immer wieder kehrender Konflikt sei etwa der, ob Bezieher von Krankengeld ins Ausland in den Urlaub fahren dürfen. In der Regel würden dies die Krankenkassen ablehnen und für die Zeit des Urlaubs das Krankengeld streichen. „Tatsächlich müssen sie aber prüfen, ob sich der Urlaub positiv oder negativ auf die Genesung auswirken kann.“

Natürlich könne man einem Patienten mit Problemen am Ohr eher keinen Tauchurlaub genehmigen, auch dürfe man keine Therapie-Termine daheim verpassen. „Aber was soll grundsätzlich schlecht daran sein, dass sich jemand mit Burnout, Depressionen oder Krebs mal zehn Tage Mittelmeersonne gönnt?“, fragt Andrea Fabris. Also müssten die Kassen in der Regel auch zahlen.

Knausrig seien sie auch bei einem anderen Problem: Inkontinenzeinlagen. Die Windeln gelten als sogenannte Hilfsmittel und werden als solche von den Kassen bezahlt. Rund 25 Euro kostet das pro Patient im Monat, aber laut Patientenberatung versuchen mehrere große Kassen, die Preise massiv zu drücken. Auch der Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen läuft seit Jahren gegen die Praxis Sturm. So erteilen die Kassen in Ausschreibungen jenen Lieferanten den Zuschlag, die das Monatspaket Windeln für 15 Euro anbieten. „Die Qualität ist schlecht, der Service der Firmen ebenso“, berichtet Andrea Fabris. Der Gipfel sei dann, dass den Patienten die korrekten Windeln gegen Aufpreis angeboten werden. „Es zerrt an den Nerven der Patienten, für den Rest des Lebens ein Problem wie Inkontinenz zu haben, und dann nicht einmal die zustehende Hilfe zu erhalten“, empört sich Andrea Fabris. Laut Gesetz müssten Hilfsmittel einen „Behinderungsausgleich“ bieten. „Aber mit einer zu dünnen Windel kann ich nicht einmal ins Kino gehen.“

Auch gegenüber Ärzten rät die Expertin zu Selbstbewusstsein. So müssten Patienten in der Praxis Wartezeiten von mehr als 30 Minuten nicht ohne Weiteres hinnehmen, wenn sie einen Termin haben. „Theoretisch kann man da Schadenersatz geltend machen“, sagt Andrea Fabris. Das Mindeste sei, dass Termin-Patienten nach jener halben Stunde Wartezeit aufmerksam gemacht werden, dass es länger dauert und sie etwa noch einkaufen gehen könnten. „Die Ärzte erwarten von den Patienten, dass sie ihre Termine einhalten. Umgekehrt sollte das auch gelten.“  

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