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Dank Lehrermangel: : Vom Finanz-Studium zur Lehrerin

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Einer Frau, die erst vor gut einem Jahr in den Lehrerberuf eingestiegen ist und den Notstand in den Fächern Mathematik und Physik beseitigen helfen soll.

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erstellt am 01.Okt.2014 | 08:10 Uhr

Das Schönste an der Schule sind die Pausen. Die Zehntklässler der Albert-Schweitzer-Oberschule in Beeskow (Oder-Spree) sitzen entspannt im Physikraum. Ein Junge tippt mit lautem Gebimmel auf seinem Handy herum. Eine Klassenkameradin lässt sich ihr Käsebrot schmecken. Der Geräuschpegel ist hoch. Dann klingelt es, und Lehrerin Annika Noack, die dem Treiben bisher entspannt zugesehen hat, ruft zur Ordnung. „Auf dem Handy spielst du aber nicht in meinem Unterricht“, weist sie den Schüler zurecht. „Hat aber mit Mathe zu tun“, wehrt der ab. Aber irgendwie halbherzig. Denn schon verschwindet das Spielzeug in der Tasche. Der Unterricht kann beginnen.

Die Lehrerin will der Klasse einige Grundbegriffe aus dem Themenfeld Bewegung und Kraft ins Gedächtnis zurückrufen. Begriffe wie Beschleunigung und Geschwindigkeit fliegen durch den Raum. Die Schüler arbeiten konzentriert mit, tragen in ihr Heft ein, was an der Tafel steht. Nur als die Lehrerin fragt: „ln welcher Einheit wird der Weg gemessen?“ und ein Junge etwas ratlos zurückfragt: „In Sekunden?“ wird kurz gelacht. Doch die Pädagogin erklärt sofort, dass es sich natürlich um Meter handelt. Der Schüler hat begriffen und nickt.

Die Anforderungen an eine Physiklehrerin sind vielfältig. Sie muss den Schülern Fachwissen vermitteln und dabei auch diejenigen mitnehmen, die sich in Naturwissenschaften allgemein schwer tun. Sie sollte den Unterricht mit spannenden Experimenten würzen. Und wie alle Pädagogen sollte sie zu ihren Schülern zwar nett und freundlich sein, aber auch dafür sorgen, dass im Unterricht eine gute Arbeitsdisziplin herrscht. Ganz schön viel verlangt von einer Frau, die erst vor gut einem Jahr in den Lehrerberuf eingestiegen ist und als sogenannte Seiteneinsteigerin an der Beeskower Oberschule den Notstand in den Fächern Mathematik und Physik beseitigen helfen soll.


Das Gefühl, dass da etwas zurück kommt


„Eigentlich komme ich mehr von der Mathematik“, sagt Annika Noack. Die 32-jährige gebürtige Eisenhüttenstädterin hat dieses Fach an der BTU Cottbus mit Abschluss Diplom und den Schwerpunkten Versicherung und Finanzwesen studiert. „Aber ich habe schon gegen Ende meines Studiums gemerkt, dass es nicht das ist, was ich will.“ Sie machte zwar Praktika bei Versicherungsunternehmen, war aber froh, als ihr die Cottbuser Universität eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin anbot. Parallel arbeitete sie als Nachhilfelehrerin. „Sieben Jahre lang. Mir machte das immer viel Spaß. Ich hatte das Gefühl, dass man da etwas zurück bekommt.“

Damals überlegte sie schon hin und wieder, ob sie nicht lieber Lehrerin werden sollte. Irgendwann war es so weit, und sie sagte sich: „Ich probier‘s mal ... Ich wusste, dass in meinem Fach in Brandenburg Seiteneinsteiger gesucht werden“, erzählt Annika Noack. Sie schrieb mehrere Bewerbungen und hatte am Ende sogar mehrere Möglichkeiten, wo sie hätte anfangen können. Die Wahl viel auf Beeskow – „vor allem wegen der Nähe zu meinem Wohnort Cottbus“.

An der Schule sei sie sofort gut aufgenommen worden. „Ich habe richtig Glück gehabt. Gut war vor allem, dass mir eine Kollegin als Mentorin zur Seite gestellt wurde, mit der ich mich austauschen konnte“, erzählt sie. Manches sei für sie gar nicht so einfach gewesen: „Zum Beispiel die Stoffverteilung über das ganze Schuljahr“, beschreibt sie die Probleme der Anfangszeit. Mittlerweile ist sie da sicherer geworden, und auch der 45-Minuten-Rhythmus einer Schulstunde ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen.


60 Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst


Ihr Fachlehrer-Kollege Gerd Gräsing hat die Entwicklung der Neueinsteigerin verfolgt. „Sie hat sich schnell eingearbeitet und bringt neue Ideen mit“, sagt er. Annika Noack ist das fast schon zu viel Lob. „Ich versuche einfach nur, etwas Abwechslung in den Unterricht zu bringen, zum Beispiel indem ich die Schüler an verschiedenen, im Raum verteilten Lernstationen arbeiten lasse.“ Andere Kollegen würden das aber ganz ähnlich machen.

Die Pädagogin besetzt eine Dreiviertel-Stelle und verdient insofern etwas weniger als ihre Kollegen. Fachlich überqualifiziert fühlt sie sich nicht, auch wenn sie mit ihren Schülern über das Erarbeiten von Grundkenntnissen kaum hinauskommt. „Ich habe sicher ein größeres mathematisches Wissen, als ich es hier anwenden kann“, sagt Annika Noack, „dafür sind aber die pädagogischen Ansprüche sehr hoch.“

Um den Beruf von Grund auf zu erlernen hat sie sich entschlossen, am berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst teilzunehmen. Im September 2016 wird ihre Ausbildung zur Lehrerin für die Sekundarstufen eins und zwei beendet sein. Im Vorbereitungsdienst befinden sich landesweit derzeit 60 Lehrkräfte.

Von den rund 900 zum Beginn dieses Schuljahres eingestellten Lehrern sind nach Ministeriumsangaben 62 Seiteneinsteiger. Annika Noack sagt, sie sei mit ihrer beruflichen Kurskorrektur rundum zufrieden. Aber sie weist auch auf ein Problem hin: Es habe sich mittlerweile herumgesprochen, dass Seiteneinsteiger gesucht werden. „Manche denken nun vielleicht, wenn alles andere nicht klappt, kann ich ja immer noch Lehrer werden. Aber als Notnagel ist der Beruf zu schade.“

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