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In Brandenburg ohne Konkurrenz : Virtuoses Handwerk

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Klientel des Akkordeonbauers ist international. Viele der in Regalen aufgereihten Instrumente, die er reparieren soll, haben unzählige rauchige Kneipennächte überstanden.

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erstellt am 06.Feb.2015 | 12:00 Uhr

Auf einer Weltkarte hat Andreas Sommer mit Fähnchen die Herkunftsorte seiner Kunden markiert. England, Irland und Finnland sind häufig vertreten, aber auch Australien, Neuseeland, die USA, Panama und Brasilien. Die Klientel des Akkordeonbauers ist international. Viele der in Regalen aufgereihten Instrumente, die er reparieren soll, haben unzählige rauchige Kneipennächte überstanden.

Der 36-jährige Handwerker, der eine 70 Quadratmeter große Werkstatt in einem früheren Industriebau in Brandenburg/Havel betreibt, hat sich vor zwei Jahren in ein Metier gewagt, das viele längst abgeschrieben haben. Musiker, die jene Holzkästen mit Knöpfen und Tasten bedienen können, sterben hierzulande langsam aus. In Brandenburg hat Sommer keine Konkurrenz.

Die Reparaturen geraten zum Geduldsspiel, welches Sommer nur mit großer Selbstdisziplin und Konzentration bewältigen kann. Wie zum Beweis zeigt der vollbärtige Instrumentenfachmann einen Arbeitstisch, auf dem unzählige Metallteile aufgereiht sind. Daraus soll in den kommenden Tagen das Innenleben eines Akkordeons gebaut werden. „Ohne strenge Ordnung wäre ich verloren“, sagt er.

Doch nicht nur mit Reparaturen verdient Sommer sein Geld. Unter dem Namen „Fraton“ produziert er kleine, handliche Knopfgriffakkordeons, die sich unter anderem bei englischen Pubmusikern gut verkaufen und im Gegensatz zu den „Schifferklavieren“ keine Tasten haben. Mindestens 3000 Euro kostet eine Neuanfertigung – dafür investiert der Instrumentenmacher sechs bis sieben Wochen Zeit.

Die Materialien sind edel: An den Wänden lehnen Hölzer aus Übersee, mexikanischer Palisander, Mahagoni und afrikanischer Bubinga, aus denen die Instrumentenkästen gebaut werden. Die Balgpappe stammt aus Italien, der Überzug wird aus französischem Marmorpapier gefertigt. Auch die Stimmplatten, die bis zu 250 Töne erzeugen, bezieht er von einer italienischen Manufaktur.

„Ich habe immer gerne gebastelt, als Kind in Baukästen gewühlt“, erzählt Sommer. „Mich reizt die komplizierte Mechanik der Akkordeons, spielen kann ich leider noch nicht so gut.“ Der Brandenburger studierte noch Geschichte und Religionswissenschaften in Potsdam, als er ein gebrauchtes Harmonika auf einem Flohmarkt fand und es zu Hause auseinander baute.

Es sei wie eine Initialzündung gewesen, erzählt der junge Familienvater. Also sattelte er um und bewarb sich an der traditionellen Schule für Instrumentenbau im sächsischen Klingenthal. Insgesamt 15 Lehrlinge erhalten dort jährlich die Zusage für die dreijährige Ausbildung, fünf in der Klasse für Akkordeons. „Es ist ein Sammelbecken für Studienabbrecher“, sagt er und lacht.

An diesem Tag besucht ihn ein Freund, mit dem er zusammen in Klingenthal gelernt hat. Geigenbauer Jan Dayß eröffnete ebenfalls vor zwei Jahren eine Werkstatt mitten in Rheinsberg. Viele Bekannte sind immer noch skeptisch, dass er damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Sein früherer Werklehrer kam unlängst vorbei und sagte: „Das wird doch nischt.“

Dayß jedoch lässt sich nicht beirren und baut sich in kleinen Schritten einen Kundenstamm auf. Bislang werden ihm vor allem Erbstücke gebracht, die Jahrzehnte auf Dachböden verstaubt sind oder in Truhen versenkt wurden. „Ganz oft ist es die Geige des gestorbenen Opas, die kein anderer aus der Familie spielen kann, die aber aufgehübscht werden soll. Ein Instrument schmeißt doch niemand weg.“

Doch der Arbeitslohn, der dann fällig wird, übersteigt meist deutlich den Wert. Manchmal jedoch kommt er mit besonderen Instrumenten in Berührung. So brachte ihm eine ältere Kundin eine Bratsche, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts von einem französischen Geigenbauer gefertigt wurde. „Sie klang wunderbar“, schwärmt Dayß. Er musste nur die Verschleißteile wechseln.

Dabei muss der 33-Jährige wie sein Kollege viel Fingerspitzengefühl und ein feines Ohr beweisen. „Wenn ich einen Moment unkonzentriert bin, ist wochenlange Feinarbeit zerstört“, erzählt er.

Auch für Dayß ist das Instrumentenhandwerk ein Neubeginn, nachdem er jahrelang Kunstgeschichte studiert hatte. „Ich wollte was mit meinen Händen schaffen und nicht in Bibliotheken versauern“, sagt er. Schon zur Aufnahmeprüfung brachte er seine erste Geige mit, die er ohne Anleitung und Spezialwerkzeug in seiner Wohnung baute. „Ein halbes Jahr, jeden Tag acht Stunden.“

Trotz großer Konkurrenz – in Berlin existieren allein knapp 30 Geigenbau-Werkstätten – hofft Dayß, dass sich Violinen mit seinem Logo auch im ländlichen Raum Brandenburgs verkaufen lassen. 12 000 Euro verlangt er für ein Unikat. „Die Musikschulen sind voll, Geigenspiel ist wieder in Mode. Warum sollte es nicht funktionieren“, meint er.

Der Markt für Instrumentenbau sei längst globalisiert, ergänzt Sommer, der viele Bestellungen über das Internet erhält und die Handzuginstrumente, wie sie Fachleute nennen, per Kurier verschickt. Die Szene sei gut vernetzt, man hilft sich gegenseitig. „Viele Kunden suchen das Besondere, nicht die Massenware. “

 

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