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Nach Urteil : „Viele Kinder hätten gerettet werden können“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Frankfurter Missbrauchsopfer wollen Schadenersatz wegen Behördenversäumnissen.

Am Montag dieser Woche wurde der 47-jährige Bundespolizist Frank S. vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er in seinem privaten Umfeld sowie als Gewichthebertrainer zwischen 2002 und Ende 2013 mindestens zehn Jungs sexuell missbraucht hat. Die angeklagten Taten hat Frank S. gestanden. Die tatsächliche Zahl der Opfer könnte aber höher sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits in weiteren Fällen. Um wie viele Kinder es geht, ist noch offen. Schon im Prozess war klar geworden, dass der Trainer einen hohen organisatorischen Aufwand betrieben hat, um möglichst viele Kinder zu missbrauchen. Zeitweise verging er sich parallel an fünf Jungen, der jüngste neun Jahre alt.

Die Eltern der Opfer spüren bei ihren Kindern Auswirkungen des Missbrauchs bereits unmittelbar, etwa Aggressivität und fehlende Leistungsbereitschaft in der Schule. Eine Mutter sagte als Zeugin im Verfahren, sie erlebe derzeit „die Hölle auf Erden“. Darüber hinaus hadern viele Angehörige damit, dass Frank S. von den Behörden lange Zeit unbehelligt blieb. „Viele Kinder hätten gerettet werden können, wenn anders reagiert worden wäre“, glaubt die Mutter eines der gepeinigten Jungen.

So verhängte die Staatsanwaltschaft Cottbus gegen Frank S. bereits im Jahre 2007 wegen des Besitzes von Kinderpornografie per Strafbefehl eine elfmonatige Haftstrafe auf Bewährung. Die Bundespolizei als Arbeitgeber wurde darüber nach eigenen Angaben jedoch nicht informiert. So blieb Frank S. ein Disziplinarverfahren erspart, an dessen Ende die Bundespolizei zumindest die Erlaubnis zur Nebentätigkeit als Trainer widerrufen hätte. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft erklärt dazu, dass Beschuldigte nicht zur Angabe des Berufs verpflichtet seien. Offenbar habe also niemand gewusst, dass Frank S. Beamter ist. Auch auf die mögliche Auflage, künftig keine Beschäftigung mit Minderjährigen auszuüben, verzichtete die Staatsanwaltschaft Cottbus im Übrigen in ihrem Kinderpornografie-Strafbefehl.

Für die Anwälte der Opferfamilien rückt aber die Kritik daran in den Fokus, dass 2013 mehr als acht Monate zwischen der ersten Anzeige und der Festnahme von Frank S. vergingen. Zeit, in der der Polizist weiter Kinder missbrauchte. „Die Sache wurde nicht ernst genug genommen. Deshalb prüfen wir jetzt Amtshaftungsansprüche“, sagt Sven Wiedenhöft, Rechtsbeistand einer betroffenen Familie, im Gespräch mit dieser Zeitung. So sei in der ersten Anzeige Ende Februar von einer Mutter zwar nicht der Verdacht auf Kindesmissbrauch geäußert worden. Aber sie monierte, dass der erwachsene Trainer auch jenseits der Sporthalle extrem viel Zeit mit ihrem Jungen verbringe, ihn den Eltern entfremde, ihm fortlaufend Alkohol und andere Geschenke zukommen lasse. „Was mache ich da als Polizist?“, fragt Anwalt Wiedenhöft. „Ich muss nur den Namen des Mannes in den Polizeirechner eingeben, sehe den Strafbefehl wegen Kinderpornografie und bin im Zusammenhang mit dem in der Anzeige Geschilderten hellhörig.“

Die Frankfurter Polizei wartet jedoch bis Mai, ehe sie die Mutter als Zeugin befragte. Es folgte eine weitere Vernehmung im Juni, diesmal gemeinsam mit ihrem Sohn. Zuvor hatte sie auf dem Handy ihres Jungen eindeutige Kurznachrichten von Frank S. entdeckt.

Ende Juni verfasste die Polizei eine sogenannte Gefährderansprache, in der Frank S. als Beschuldigter ermahnt wird, sich korrekt zu verhalten. Außerdem wurden zur Beweissicherung sein Rechner und sein Handy beschlagnahmt. Daraus, dass die Polizisten Frank S. für die Übergabe der Gefährderansprache in einem Kinderlager aufsuchen mussten, zogen die Beamten keine Schlüsse. Möglich wäre zum Schutz der Kinder die Aufforderung an ihn gewesen, sofort die Heimreise anzutreten.

Dann gingen die Monate Juli, August, September und Oktober ins Land, in denen Frank S. weiter ungestört Verbrechen begehen konnte. Die Polizei sah offenbar keine Notwendigkeit, etwas zur Gefahrenabwehr zu unternehmen. Warum nicht, dazu wollte sich die Behörde auf Nachfrage nicht äußern. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) wiederum sah sich die Hände gebunden, weil nach Angaben einer Sprecherin lange Zeit der notwendige Haftgrund für eine Festnahme fehlte. Allerdings ist laut Strafprozessordnung Wiederholungsgefahr bei schweren Verbrechen wie Kindesmissbrauch ein klarer Haftgrund.

Schließlich dauerte es bis zum 7. November, ehe Frank S. festgenommen wurde. Die Ermittler hatten erfahren, dass der Trainer versucht, Zeugen zu beeinflussen. So sollten die Jungs besonders schwere Übergriffe, bei denen Frank S. seinen Opfern den Finger in den Anus steckte, vor der Polizei verschweigen. Erst diese Zeugenbeeinflussung war schließlich für die Staatsanwaltschaft der Haftgrund – und für die Kinder der Moment, in dem der Täter von ihnen abließ.

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