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Falsche Diagnosen : „Viele Ärzte sind überfordert“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Der Rechtsmediziner Jörg Semmler über Pannen bei Leichenschauen und finanzielle Probleme.

Nach Schätzungen bleiben in Deutschland pro Jahr 1200 Tötungsverbrechen unentdeckt, da Fehler bei Leichenschauen unterlaufen. Auch in Brandenburg kommt es immer wieder zu Pannen. Experten fordern daher bessere Schulungen der Ärzte. Henning Kraudzun sprach über das Thema mit Jörg Semmler, Direktor des Landesinstituts für Rechtsmedizin.

Herr Semmler, laut Studien sind bis zu zwei Drittel der Diagnosen bei Leichenschauen mangelhaft. Zuweilen fallen selbst Morde nicht auf. Wie kann es zu solchen Pannen kommen?

Jörg Semmler: Das ist durch strukturelle Probleme begründet. In Deutschland wird wegen der Sparzwänge zu wenig obduziert, nur noch unter zwei Prozent der Toten werden von Fachleuten begutachtet. Eine unterirdische Zahl. Zudem haben Leichenschauen keinen großen Stellenwert.
Was läuft genau falsch?

Aufgrund von mangelnder Ausbildung, zeitlichen Problemen sowie Druck durch Angehörige und Polizei sind viele Hausärzte oder Notärzte mit der Leichenschau überfordert. Viele sagen sich: Drücken wir mal ein Auge zu. Leider werden somit selbst klare Anzeichen von Gewalteinwirkung nicht erkannt, wie jüngst in dem Fall in Prenzlau.
Sie meinen den Fall, bei dem eine Notärztin bei einem Toten mehrere Stichverletzungen übersehen hat?

Ja, unter anderem. Den Fall hatte ich auf dem Tisch und habe mehrere Stiche entdeckt. Mehr kann ich dazu wegen der laufenden Ermittlungen nicht sagen.
Kommen solche Fälle in Brandenburg häufiger vor?

Darüber existieren keine Statistiken, sondern ein großes Dunkelfeld, für das es unterschiedliche Interpretationen gibt. Ich kann mich an fünf Fälle erinnern, bei denen ein Gewaltverbrechen vorlag, das aber nicht erkannt wurde. Das war kurz vor der Einäscherung in Krematorien.
Ein Beispiel bitte.

In den 1990ern, ich weiß nicht mehr genau in welchem Jahr, war ein Mann im Norden des Landes auf der Straße umgefallen. Alle dachten an einen Infarkt. Kurz vor Ultimo haben wir den Toten im Potsdamer Krematorium bei der zweiten Leichenschau gesehen. Ihm war mit einem kleinen Stichwerkzeug direkt ins Herz gestochen worden. Bei der ersten Leichenschau hatte man sich den unbekleideten Oberkörper des Mannes nicht angeschaut.
Wie sollte eine Leichenschau ablaufen?

Laut Bestattungsgesetz müssen alle Leichen entkleidet und alle Körperöffnungen angeschaut werden. Zudem sollte der Notarzt, der den Totenschein ausstellt, mit Angehörigen vor Ort sprechen. So haben wir es früher unseren Studenten vermittelt. Eine Leichenschau sollte 20 Minuten dauern und nicht im Galopp erledigt werden. Aber sie wird von Krankenkassen nur geringfügig vergütet.
Wird diese Vorgehensweise in der Ausbildung überhaupt noch vermittelt?

Leider nur unzureichend. Es fehlen Kapazitäten. Auch Weiterbildungen müssten eine größere Rolle spielen. Allein 13 Veranstaltungen habe ich vergangenes Jahr organisiert, aber das ist zu wenig. Zwar wollten die Justiz- und Gesundheitsminister der Länder vor Jahren schon die Qualität der Leichenschauen verbessern, zum Beispiel eine personelle Trennung von Todesfeststellung und Leichenschau durchsetzen. Passiert ist nichts.
Ihr Institut war im vergangenen Jahr wieder mal von der Schließung bedroht. Haben Tote keine Lobby?

Wir sollten unter anderem mit dem Berliner Landesinstitut fusioniert werden, pünktlich aller zwei Jahre wird ein neuer Versuch unternommen, uns an irgendeine Einrichtung anzugliedern. Ich kann derzeit keine Mitarbeiter einstellen. Es ist ein Trauerspiel. Man muss einfach etwas Geld in die Hand nehmen, um die Qualität der Ermittlungsarbeit aufrecht zu halten und in die Ausbildung zu investieren.
Wie sieht es in anderen Instituten aus?

Kürzungsdiskussionen werden bundesweit geführt. Einige Institute an Universitäten mussten schließen. Allerdings steht bislang kein Bundesland ohne Rechtsmedizin da. Wir müssen aber aufpassen, dass eine uralte medizinische Fachrichtung nicht kaputt gespart wird.

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