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Prozess : Verhängnisvolle Affäre

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein Dönerverkäufer wird zu Unrecht beschuldigt, die Geliebte getötet zu haben / Seine Existenz ist zerstört

Jens Mader trifft mit Schweißperlen auf der Stirn ein. Am Morgen joggt er oft am See, um den Kopf freizubekommen, sagt der Anwalt aus Strausberg (Märkisch-Oderland). Dann zeigt er die Kanzlei, öffnet das Fenster und schnauft durch.

Mader ist Strafverteidiger. Der 47-Jährige verteidigte einen jungen Mann aus Leipzig, der seinen Freund tötete und zerstückelte. Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen. Mader vertrat einen Mann aus Birkenwerder (Oberhavel), der Gullideckel auf den Berliner Ring geschleudert haben soll. Er ist nach wie vor von seiner Unschuld überzeugt. Sein aufwendigster Fall war aber bislang der des Veysel K.

Mader holt einen Aktenordner aus dem Schrank, schwer wie ein Wassereimer. Darin stecken vier Jahre hartes juristisches Ringen um einen Kriminalfall, der sich letztlich als Unglück darstellte, das immer noch schwer zu verstehen ist. Mader gehörte damals zu den wenigen, die Veysel K. glaubten.

Der gebürtige Türke kam Anfang der 1990er nach Deutschland und versuchte sein Glück mit einem Dönerimbiss. Er zog allein nach Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster), in eine kleine, möblierte Mietwohnung. Seine Frau blieb in Anatolien zurück.
Der dramatische Fall des heute 62-Jährigen begann mit einer Liebesgeschichte, mit einem Zufall im Leben. K., ein Kettenraucher, kaufte seine Zigaretten immer in einem Zeitschriftenladen. Dort fand zu Beginn des Jahres 2009 die Arbeitslose Marlies K. einen Job. Eine Befreiung. Zu Hause wurde sie von ihrem Mann drangsaliert, der im Rollstuhl saß und zunehmend dem Alkohol verfiel.

K. hatte die damals 53-jährige Frau sofort gefallen. Er machte ihr Komplimente, brachte Blumen, trank dort seinen Kaffee. Marlies K. fühlte sich bewundert, blühte regelrecht auf. Es kam schnell zu Zärtlichkeiten. Sie schliefen das erste Mal miteinander in seinem Auto auf einem Parkplatz.


Plötzlich wurde die Frau bewusstlos


Am 6. März 2009 trafen sie sich wieder. Er lud Marlies K. in seine Wohnung ein. „Wir waren wie ein junges Liebespaar“, erzählte K. seinem Verteidiger. Sie hatten Sex auf der Couch, einige Zeit später auf dem Teppich. Dann kam es zu dem tödlichen Unfall. Die Frau schrie auf, blutete aus der Scheide, wurde bewusstlos. Veysel K. versuchte eine Wiederbelebung – erfolglos. In Panik und weil ihn die Situation des Fremdgehens als Moslem beschämte, rief er keinen Rettungsdienst. Am Abend hüllte K. die Leiche in den Teppich und trug sie in sein Auto. Den Wagen stellte er auf einem Rastplatz ab. Bald schon klingelte die Polizei: Der Verdacht fiel schnell auf K., den Verehrer vom Zeitschriftenladen.

Die Ermittler konstruierten einen möglichen Tatverlauf: Veysel K. soll die Frau beim Sex mit einem Metallrohr schwer verletzt und sie dann in eine Decke gedrückt haben, um sie zu ersticken. Motiv soll eine abfällige Bemerkung von Marlies K. über seine Leistungsfähigkeit beim Sex gewesen sein. Doch K. beteuert immer wieder, er habe sie nicht getötet, sondern geliebt.

Die Richter am Landgericht Cottbus glaubten den Ermittlern und vor allem einem Gutachten des Landesinstituts für Rechtsmedizin. „Erstickungstod durch weiche Bedeckung der Atemwege“ lautete dessen Fazit. Neun Jahre Haft lautete das Urteil vom Januar 2010. Mader kämpfte vergeblich während des Prozesses, einen weiteren Rechtsmediziner anzuhören.

„Es gab keine Kampfspuren, keine Würgemale, Nachbarn hörten keine Schreie“, sagt Mader. Auch Veysel K. habe immer wieder seine Unschuld beteuert – auch wenn viele Indizien gegen ihn sprachen. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Mörder irgendwann umfallen, sich befreien wollen und auspacken“, meint Mader. Diese Zweifel trieben ihn an.

Er ging in Revision. Im Juli 2010 hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf. Weder Motiv noch Todesursache seien hinreichend geklärt, urteilte die höchste Instanz. K. wurde aus der 18 Monate währenden Untersuchungshaft freigelassen, er reiste in seine Heimat. 2013 kehrte er zum wiederaufgerollten Prozess nach Cottbus zurück. Er hätte in der Türkei abtauchen können, sagt Mader. „Aber er wollte seine Ehre wiederherstellen.“ Vor einem Jahr endete der Prozess mit einem Freispruch.

Im Prozess durften andere Gutachter auftreten. Bernd Brinkmann, Fachmann für Erstickungstode, trug vor, dass die tödliche Luftembolie bei der Frau durch eine Scheidenverletzung verursacht wurde. Durch den Liebesakt sei Luft in die offenen Blutgefäße gelangt. Eine gewaltsame Verletzung schloss Brinkmann aus. „Es war ein seltener, tragischer Unfall.“ Ein weiterer Arzt übte offene Kritik an dem ersten Gutachten aus Potsdam.

Doch Freisprüche können das Geschehen nicht immer heilen, sagt Mader. K. war gebrochen, sein Ansehen zerstört. „Wer will schon, dass über seine sexuellen Praktiken vor Gericht geredet wird?“ Seinen Imbiss und die Wohnung musste K. in der Haft aufgeben. Mader macht wegen der Verluste und der Haft eine Entschädigung von 60 000 Euro geltend. Bis heute wurde nichts gezahlt. Der Anwalt kritisiert die Verzögerungstaktik der Staatsanwaltschaft Cottbus. „Man kann auch als Jurist Fehler einräumen, zumindest aber die Folgen lindern“, sagt er.

K. lebt mittlerweile bei Verwandten in seinem Heimatort in Anatolien, jobbt in der Landwirtschaft. „Es ist für ihn ein schwerer Neustart“, sagt Mader. „Falsche Mordvorwürfe können einen Menschen kaputtmachen.“

 

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