GerichtsProzess : Urteil im Fall „Mord ohne Leiche“

Die Akten können geschlossen werden, doch Fragen bleiben.
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Die Akten können geschlossen werden, doch Fragen bleiben.

Mutter und Sohn müssen lebenslang hinter Gitter, das Opfer bleibt verschwunden.

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09. Juli 2014, 23:28 Uhr

Maike ist seit 17 Jahren verschwunden. Das Landgericht Neuruppin geht von Mord aus – obwohl die Leiche des Opfers fehlt. 17-Jährig und hochschwanger war die junge Frau zuletzt lebend gesehen worden. Die Richter verurteilten gestern eine 61 Jahre alte Frau und ihren Sohn – den Ex-Freund des Opfers – zu lebenslanger Haft. Nach ihrer Überzeugung musste die Jugendliche aus Leegebruch (Oberhavel) sterben, weil sie sich gegen den Willen des Kindesvaters für das Baby entschieden hatte. Ein mutmaßlicher dritter Beteiligter musste sich nicht vor Gericht verantworten, weil er verhandlungsunfähig ist.

Die werdende Großmutter wollte die Unterhaltszahlungen nicht akzeptieren und stiftete nach Überzeugung des Gerichts ihren Sohn sowie einen heute 80 Jahre alten Bekannten im Juli 1997 zu der Tat an. „Sie war die bestimmende und dominierende Kraft“, sagte der Vorsitzender Richter Gert Wegner. „Sie hatte ihren Sohn unter ihrer Fuchtel und hat deshalb die heimtückische Tötung billigend in Kauf genommen.“ Mit dem Urteil hat das Gericht den Verdacht von Maikes Eltern bestätigt – und nach 14 Monaten einen quälenden Gerichtsprozess beendet.

Der größte Wunsch der Eltern blieb jedoch unerfüllt: Antworten zu bekommen. Die Angeklagten haben vor Gericht geschwiegen. Die Leiche von Maike ist bis heute verschwunden. Weder die Recherchen eines Privatdetektivs, den die Eltern eingeschaltet hatten, noch Suchhunde führten zu dem Opfer.

Maikes Familie hatte lange auf diesen Prozess gewartet. „Sie wünschen sich, dass endlich Licht ins Dunkel kommt“, sagte ihr Anwalt Andreas Steffen zum Auftakt im Mai 2013. Neben den Eltern traten auch Bruder und Schwester des Opfers als Nebenkläger auf. Keinen der 45 Prozesstage versäumte die Familie. „Der Prozess hat das Ganze noch schmerzhafter werden lassen als es die gesamten 17 Jahre war“, so Steffen. „Zweimal lebenslang bringt mir meine Tochter auch nicht wieder“, sagte die Mutter.

Die Angeklagten waren früh ins Visier der Ermittler geraten, doch die Indizien reichten nicht aus. Ende 2012 war sich die Staatsanwaltschaft sicher, das Trio doch noch überführen zu können. Die Polizei hatte den Fall auch mit Hilfe der TV-Sendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“ noch mal aufgerollt. Dabei hatte sich der Verdacht erhärtet.

Für die Richter war der als „Mord ohne Leiche“ bekanntgewordene Fall eine besondere Herausforderung. Spuren am Tatort oder Schilderungen eines Gerichtsmediziners zum Tathergang anhand der Obduktion helfen, Täter zu überführen. Beides fehlte aber in diesem Fall.

Nach der Befragung von rund 50 Zeugen sind die Richter jedoch überzeugt: Die beiden Männer haben die 17-Jährige „heimtückisch und aus Habgier“ getötet. Sie lockten Maike nach einer Schwangerschaftsuntersuchung im Krankenhaus Hennigsdorf unter einem Vorwand ins Auto, so ihr Urteil. Dann sind sie mit der jungen Frau in ein Waldstück gefahren. Der auf der Rückbank sitzende Senior soll sie von hinten erdrosselt haben. Dafür habe der Mann umgerechnet knapp 1800 Euro erhalten.

Das Urteil stützt sich auf Zeugen, denen der 35-Jährige nach ihren Angaben die Tat gestanden hat. Der Beschuldigte war an dem Ort, an dem Maike zuletzt gesehen wurde. Zudem deutet eine Narbe auf eine Bisswunde hin, die er sich bei der Tat zugezogen haben soll.

Die Angeklagten verfolgten die Urteilsverkündung fast regungslos. Sie wollen in Revision gehen und bleiben zunächst auf freiem Fuß. Maikes Verschwinden bleibt damit ein Fall für die Justiz. Für die Eltern ist er ohnehin nicht beendet.

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