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Skandal : Urologe im Zwielicht

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Obwohl einem Arzt wiederholt Kunstfehler unterlaufen sind, denkt der 76-Jährige nicht ans Aufhören

Er soll Menschen heilen, wurde nun aber bereits zum zweiten Mal wegen schwerer Kunstfehler verurteilt. Trotzdem praktiziert ein mittlerweile 76 Jahre alter Urologe aus Frankfurt (Oder) weiter. Eine frühere Patientin ist empört.

Sie war eine gute Tänzerin, ist für ihr Leben gern gerannt, hat Federball gespielt, im Fitness-Studio sogar mit Hanteln gearbeitet. Das alles ist jetzt vorbei. Beim Essen muss sie aufpassen, dass sie nicht gleich wieder alles erbricht. Hosen kann sie kaum tragen, weil der Bund auf die Narben an ihrem Bauch drückt. Erika J. muss froh sein, überhaupt noch am Leben zu sein. Ihr Urologe hat im Sommer 2007 eine schwere Darmerkrankung nicht erkannt und sie stattdessen auf die Diagnose Inkontinenz behandelt. Ende Januar dieses Jahres hat ihr die 1. Zivilkammer des Landgerichts Frankfurt (Oder) deshalb 40 000 Euro Schadenersatz zugesprochen. Doch das Geld ist angesichts des Leids kaum ein Trost für die 63 Jahre alte Frührentnerin.

Außerdem wurmt sie, dass der hochbetagte Horst W. weiter seiner Arbeit nachgehen kann, obwohl es innerhalb kurzer Zeit gleich zwei Urteile wegen schwerer Kunstfehler gegen den niedergelassenen Mediziner gab. „Die meisten Menschen müssen mit 65 aufhören zu arbeiten, aber ausgerechnet ein Arzt kann so lange praktizieren, wie er will, selbst wenn er Fehler macht. Das verstehe ich nicht“, sagt die Frankfurterin, selbst gelernte Krankenpflegerin. Schon Ende 2012 war der inzwischen 76 Jahre alte Urologe in den Schlagzeilen. „Dr. Pfusch“ nannte ihn eine Boulevard-Zeitung, weil er 2009 bei einem Routine-Eingriff einer Patientin grundlos eine gesunde Niere entfernt und dabei auch noch ihre Bauchspeicheldrüse verletzt hatte. Neun Wochen später war die 49-Jährige tot.

Im Strafprozess vor dem Frankfurter Landgericht wies der Arzt jegliche Schuld von sich. Er bezichtigte stattdessen jene Mediziner, die im Krankenhaus Beeskow (Oder-Spree) nach seinem Eingriff vergeblich um das Leben von Manuela W. kämpften, ihren Tod verursacht zu haben. Die Staatsanwaltschaft tadelte den Angeklagten in ihrem Schlussplädoyer für den „untauglichen Versuch“, die Schuld abzuwälzen.

Auch das Gericht kam zu dem Schluss, dass Horst W. den Tod seiner Patientin „kausal verursacht“ hat. Das inzwischen rechtskräftige Urteil: zwei Jahre Haft auf Bewährung wegen Körperverletzung mit Todesfolge in einem minderschweren Fall. Am 22. Mai wird über den zu zahlenden Schadenersatz an die Hinterbliebenen verhandelt.

Erika J., das zweite Opfer des Urologen, beschreibt den Mediziner als attraktiven Mann, der sich weltgewandt gebe und vor Selbstsicherheit strotze. „‚Ich bin Arzt. Ich bin unfehlbar.‘ Mit dieser Haltung tritt er auf“, sagt die Frankfurterin. Auch in ihrem Fall habe er jegliche Schuld an der akuten Lebensgefahr, in der sie sich befand, zurückgewiesen. Gegen das im Januar ergangene zivilrechtliche Urteil hat er Berufung eingelegt. Auf den Gang vor das Strafgericht hat Erika J. auf Rat ihrer Anwältin Susanne Nettesheim verzichtet. „Man sieht ja leider, dass das im Medizinrecht meist wenig bringt“, sagt Nettesheim mit Verweis auf das erste Urteil gegen Horst W. Da Erika J. die Behandlung überlebt hat, sei im Falle einer Verurteilung nur eine geringe Strafe zu erwarten gewesen.


Dauer der Verfahren belastet die Opfer


Kritisch sieht Susanne Nettesheim auch die langen Verfahrenslaufzeiten an der Frankfurter Zivilkammer. „Wir reden über einen Fall von 2007, in dem jetzt das Urteil in der ersten Instanz ergangen ist“, verdeutlicht sie. „Gab es bei einem Termin keine Lösung, wurde erst ein Jahr später wieder neu angesetzt.“ Eine Zumutung für die Opfer.

Ein Sprecher des Landgerichts bedauert die langen Laufzeiten. Er führt sie auf die Komplexität der betroffenen Verfahren zurück. „An akutem Personalmangel liegt es nicht. Die Kammer ist so ausgestattet, wie es der Gesetzgeber vorschreibt.“

Viel Zeit gewann der Urologe zum Beispiel, indem er das fachärztliche Gutachten zu seinem Behandlungsfehler attackierte, dem Verfasser Befangenheit unterstellte, was die Kammer schließlich zurückwies. In seiner zwölfseitigen Stellungnahme kommt der Gutachter zu dem Schluss, dass die bei Erika J. durch den Darmdurchbruch verursachte akut lebensbedrohliche Bauchfellentzündung hätte verhindert werden können, wenn Horst W. nicht entgegen aller Symptome darauf beharrt hätte, eine angebliche Inkontinenz sei die Wurzel allen Übels.

Horst W. macht indes unbeirrt weiter. „Natürlich praktiziert er nach wie vor. Wieso nicht?“, teilt eine Mitarbeiterin bei Anruf in der Praxis mit. Für ein Gespräch stehe der Doktor nicht zur Verfügung, richtet die Assistentin aus.

Die Bundesärztekammer will sich nicht einmal allgemein dazu äußern, wann es im Interesse der Patienten geboten sein könnte, einem Arzt das Handwerk zu legen. Die Brandenburger Ärztekammer wiederum sieht im Fall der gestorbenen Patientin „keinen berufsrechtlichen Überhang“, weil die Tat bereits strafrechtlich sanktioniert sei. Eine recht eigenwillige Logik, die den Patienten nicht hilft. Das Landesgesundheitsamt will aus Datenschutzgründen nicht mitteilen, ob es Überlegungen gab oder gibt, dem Urologen die Zulassung, zu entziehen.

 

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