zur Navigation springen

Einrichtung für Schulschwänzer : Unterricht in kleinen Häppchen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Schüler, die ständig den Unterricht stören oder tagelang schwänzen, stellen die Bildungsbehörden vor große Probleme. In einer vom Jugendamt finanzierten Einrichtung in Rüdersdorf wagen sie einen Neuanfang – mit meist positivem Ausgang.

svz.de von
erstellt am 25.Jan.2015 | 08:38 Uhr

Schüler, die ständig den Unterricht stören oder tagelang schwänzen, stellen die Bildungsbehörden vor große Probleme. In einer vom Jugendamt finanzierten Einrichtung in Rüdersdorf wagen sie einen Neuanfang – mit meist positivem Ausgang.

Hier mühen sich beiden Lehrer, mit ihren 13 Schülern die Woche auszuwerten. Alle sitzen in einer Runde zusammen, aber viel reden wollen die Jugendlichen nicht mehr. Sie spielen mit ihren Handys, albern herum und stopfen sich kleine Kopfhörer ins Ohr. Mit der Schule fremdeln sie immer noch. Daher ist es schon ein riesiger Fortschritt, dass sie fünf Tage Unterricht ohne Fehlzeiten geschafft haben. In dem grünen, unscheinbaren Gebäude im Rüdersdorfer Ortsteil Tasdorf, von Gewerbegebieten und einer Industriebrache umzingelt, gibt es seit 20 Jahren die „Schule des Lebens“, die auf eine völlig andere Form der Wissensvermittlung setzt.

Unterrichtsstoff gibt es dort in kleinen Häppchen, immer zu einem großen, verständlichen Thema und immer mit einem Praxisbezug. Eine Klasse hat maximal sechs Schüler. Das sind Idealbedingungen in der brandenburgischen Bildungslandschaft, aber anders könnte den notorischen Schulverweigerern vermutlich nicht geholfen werden. Die Jugendlichen kommen oft aus einem Elternhaus, in dem sich niemand für ihre Probleme interessiert, wurden in ihren früheren Klassen gemobbt, haben den Unterricht torpediert oder Tage, Wochen geschwänzt. Alle haben Lernprobleme, können nicht richtig lesen und schreiben.

„Hier finden sie ihre letzte Chance“, sagt Susann Zschieschang. Die Leiterin der Einrichtung, die zur gemeinnützigen Gesellschaft WIBB aus Rüdersdorf gehört, ist Lehrerin für Deutsch und Gesellschaftslehre, gleichzeitig aber Betreuerin und Managerin vielschichtiger Probleme. „Wir verbringen hier den ganzen Tag miteinander, müssen Konflikte aushalten und zwischenmenschlich funktionieren“, sagt die 52-Jährige. „In erster Linie leisten wir Beziehungsarbeit.“ Ihr Kollege Heiko Schulze, der Mathe und Naturwissenschaften unterrichtet, nickt nachdenklich.

Steven* ist einer von ihren schwierigen Fällen, der mittlerweile wieder Vertrauen zur Schule gefasst hat. Als Grund, warum er früher teilweise mehrere Monate vom Unterricht ferngeblieben ist, nennt der 15-Jährige nur ein Wort: Mobbing. „Ich hab’ mich nirgendwo zurechtgefunden, weil ich nicht mit den anderen mithalten konnte“, sagt er. Er habe sich als Außenseiter gefühlt, daher zog er sich zurück. Irgendwann wurden jedoch die Entschuldigungszettel seiner Eltern nicht mehr akzeptiert – das Jugendamt schaltete sich ein.

„Unterricht ist nicht so mein Ding“, sagt der Achtklässler. „Aber ich muss das jetzt durchziehen.“ Nach einer Odyssee in verschiedenen Schulen hat Steven Erleichterung verspürt, als er die Einrichtung in Tasdorf erstmals besuchte. „Die haben mich akzeptiert, so wie ich bin. So was kannte ich gar nicht.“ Mittlerweile kommt er auf einen Notendurchschnitt von 3,3. Der Tag beginnt meist mit einem gemeinsamen Frühstück, dann folgen vier Unterrichtsstunden. Nach dem Mittagessen können die Schüler auswählen, was sie machen: Sport, Kochen, Backen, Astronomie oder Werkstattarbeit. Ein Tag in der Woche ist ohnehin der Praxis vorbehalten.

Die Jugendlichen haben eine Schülerfirma gegründet, die Gartenarbeiten, Renovierungen oder kleinere Reparaturen bei Senioren übernimmt. Die Einnahmen dienen zur Finanzierung von Ausflügen. „Da erfahren unsere Schüler viel Anerkennung. Das baut sie auf“, sagt Zschieschang. Oberstes Ziel in der „Schule des Lebens“ ist, dass die Acht- und Neuntklässler die Berufsbildungsreife schaffen und dann auf eine Ausbildung vorbereitet werden. Zschieschang verweist auf eine Erfolgsquote von 75 Prozent.

Für die zehnte Klasse müssten die Jugendlichen wieder an eine allgemeinbildende Schule wechseln, doch das kommt selten vor. „Irgendwie gehen sie alle ihren Weg“, sagt Schulze. „Aber die Probleme in den Elternhäusern können wir auch nicht beheben.“ Mittlerweile gibt es ein Netzwerk von ähnlichen Schulverweigererprojekten in Brandenburg, wo rund neun Prozent der Schüler ohne Abschluss bleiben – weit mehr als im Bundesdurchschnitt. Für die Zahl der Schulschwänzer gibt es keine offiziellen Statistiken. „Es werden nicht weniger“, sagt Schulleiterin Zschieschang. „Wir müssen hier viel investieren, sonst fallen sie ganz durchs Raster.“

*Name geändert

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen