Nach Überfällen auf Geschäfte : Überfallopfer zeigen Stärke

Die Leegebrucher Land-Apotheke hat nach dem Überfall Kameras installiert.
Die Leegebrucher Land-Apotheke hat nach dem Überfall Kameras installiert.

Fünf Überfälle in 21 Tagen, alle nach einem ähnlichen Strickmuster verübt: Wie reagieren die Angestellten darauf, die täglich an den Ort des Verbrechens zurückkehren, um dort zu arbeiten?

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29. März 2014, 06:31 Uhr

Steht’s schlugen die Täter kurz vor Ladenschluss zu. Im Geschäft bedrohten sie die Angestellten mutmaßlich mit Pistolen oder Messern. Die Polizei hat bislang keine Zusammenhänge gefunden.

Christiane Patzelt nimmt es mit Humor – im Nachhinein jedenfalls. Als der Typ mit der Pistole in der Hand vor ihr stand, dachte sie vor allem eines: Ruhig bleiben! Ihre Land-Apotheke in Leegebruch (Oberhavel) wurde am 20. Februar überfallen. Kurz vor Feierabend stand der Räuber schlagartig im Geschäft und „machte sehr eindringlich deutlich, dass er Geld wollte. Ich tat ihm den Gefallen“, sagt Christiane Patzelt. Eindringlich? „Laut, sehr laut.“ Die Apothekerin öffnete ihre Kassen und schüttete den Inhalt in die Lidl-Tüte des Täters. Angelockt durch den Lärm, kamen zwei Mitarbeiterinnen nach vorn. Eine ist von dem Überfall später so mitgenommen, dass sie wochenlang ausfällt. „Ich habe keinen Widerstand geleistet. Eine falsche Heldentat bringt gar nichts“, sagt Christiane Patzelt. Alles ging rasend schnell. Nach zwei Minuten war es vorbei. Die Apothekerin vermutet keinen Profi hinter der Tat. Es spreche alles dagegen. Er wirkte sehr unsicher und nervös. Den gut bestückten Betäubungsmittelschrank rührte er nicht an.

Christiane Patzelt sagt, sie gehe gestärkt aus dieser Geschichte heraus. „Das war wieder etwas Neues. Und ich habe es überstanden. Kostenlose Werbung gab‘s auch.“ So weit, so gut. Ihr Mann wollte es aber nicht dabei belassen. Er besorgte Videokameras und installierte sie in den Geschäftsräumen der Apotheke. Jetzt weist ein grellgelbes Schild am Eingang auf die Überwachung hin. „Ich bin eigentlich kein Freund von Kameras und Überwachung“, sagt Christiane Patzelt, auch weil sie nicht jeden Tag daran erinnert werden will, was vielleicht alles passieren könnte.

Mit Interesse hat sie die Serie von Überfällen verfolgt, die in Oberhavel registriert wurde. „Normal ist das nicht“, sagt sie und sieht im Gegensatz zur Polizei durchaus einen Zusammenhang. Ermittlungserfolge hat die Kriminalpolizei noch nicht vorzuweisen, sagt die Apothekerin. Insgesamt fünf Überfälle geschahen zwischen Anfang Februar und Anfang März.

Knapp vier Wochen ist es her, dass drei Mitarbeiterinnen im Schildower Netto-Markt überfallen wurden. Der Schreck sitzt ihnen noch etwas in den Knochen. „Angst habe ich nicht“, sagt eine von ihnen. „Aber der Gedanke ist da.“ Am Abend hatte sie im Fernsehen noch einen Bericht zum Überfall auf den Schwanter Netto-Markt gesehen. „Am nächsten Tag waren wir dran“, sagt sie.

Der kurz nach dem Überfall engagierte Wachschutz ist mittlerweile wieder abgezogen. Die Mitarbeiter, zu 80 Prozent sind es Frauen, sehen nun noch genauer hin, wer den Laden betritt. „Das Sicherheitsgefühl wäre schon größer, wenn ein Mann da wäre“, gesteht die Marktmitarbeiterin. Aber es helfe nichts, Angst zu haben.

Nur ein paar hundert Meter weiter kämpft auch Andrea Roth mit der psychischen Belastung nach einem Überfall. Die Inhaberin eines Getränkehandels war nur eine Woche zuvor Opfer geworden. Der Täter hatte zwei Mitarbeiter gefesselt und im Büro eingeschlossen, er floh mit Geld und Zigaretten. „Wir sind noch nicht drüber weg“, sagt Andrea Roth und deswegen ungern an den Vorfall zurückdenkt. Allein die Gewissheit, dass sie sich richtig verhalten haben, beruhigt etwas. Mit Kameras schützen sich die Ladeninhaber vor ungebetenen Kunden.

Auch die Leegebrucher Apothekerin Christiane Patzelt hat die Kosten für Kameras nicht gescheut. Und wenn wieder einer mit der Pistole in der Hand vor ihr steht, würde sie wieder genauso ruhig die Kassen öffnen und das Geld herausgeben.

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