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Nach Urteil zu BabyTÖTUNG : Tränen der Erleichterung

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Mutter des erstochenen Babys kann das Gefängnis vorübergehend verlassen. Sie freut sich auf ihre Tochter.

Vor einem halben Jahr hat Maika M. ihre vierjährige Tochter das letzte Mal gesehen. Damals war die junge Mutter verhaftet worden. Einen Besuch hinter Gittern wollte sie ihrem Kind ersparen. Sie weiß es bei ihrer eigenen Mutter in guten Händen, hatte sie vor Gericht betont. Auf ein Wiedersehen freue sie sich sehr. Das rückt nun in greifbare Nähe, nachdem das Landgericht Frankfurt den Haftbefehl gegen Maika M. aufgehoben hat.

Verzichten Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf die mögliche Revisionseinlegung, wird das Urteil gegen die junge Frau demnächst rechtskräftig. Dann kann sie das Gefängnis bis zum eigentlichen Haftantritt wieder verlassen. Verarbeitet haben wird sie ihre schreckliche Tat bis dahin gewiss nicht. Vielmehr geht sie selbst davon aus, dass sie dafür psychologische Hilfe braucht, die sie in der Untersuchungshaft jedoch nicht bekommt. Irgendwann aber will sie auch ihrer Tochter von der Tat erzählen.

Bei Freunden, Kollegen, Verwandten, Bekannten und Nachbarn gilt Maika M. als aufopferungsvolle Mutter. Dabei hatte sie ihre kleine Maja zunächst gar nicht gewollt. Letztlich habe ihre Familie sie überredet, das Kind nicht zur Adoption freizugeben, hatte sie während des Prozesses geschildert. Heute sei sie dafür dankbar. Maja sei ihr ein und alles. Keine Feten, keine Kinobesuche, keine Freundinnen-Abende – im Leben von Maika M. drehte sich alles um ihre Ausbildung und ihr Kind. Umso unverständlicher ist es für den Außenstehenden, zu begreifen, warum sie ihr zweites Kind tötete. Aber auch die Täterin selbst erkennt sich nicht wieder. „Ich verstehe nicht, warum ich das gemacht habe“, hatte die 22-Jährige vor Gericht zu Protokoll gegeben. „Das war ein ganz großer Fehler, weil ich weiß, dass ich so etwas überhaupt nicht von mir kenne.“

Mediziner sprechen bei Fällen wie diesem vom Phänomen der verdrängten Schwangerschaft. Maika M.s Anwalt Stefan Böhme bezieht sich in seinem Plädoyer auf eine Studie des Berliner Gynäkologen Jens Wessel. Für seine Habilitation hatte der Frauenarzt vor einigen Jahren die weltweit umfassendste Untersuchung zu dem Thema erarbeitet. Sämtliche Berliner Geburtskliniken bezog er ein. Verteidiger Böhme berichtet, dass man aufgrund der Ergebnisse davon ausgehen kann, dass auf knapp 500 Schwangerschaften eine unbemerkte kommt – also eine, die erst nach der Hälfte der Dauer einer Schwangerschaft festgestellt oder sogar erst unter der Geburt bemerkt wird. „Rechnet man das auf die Geburtenrate in Deutschland hoch, so stellt sich heraus, dass bis zu 2000 Frauen jährlich ihre Schwangerschaft zunächst ausblenden“, erläutert Böhme. „300 Fälle im Jahr bleiben bis zur Geburt unbemerkt.“ Auch seine Mandantin habe bis zuletzt überhaupt nicht damit gerechnet, ein Kind zu bekommen. Das Gefühlschaos zur Geburt habe sie nicht rational bewältigen können.

Offenbar erkennen sogar Ärzte manchmal nicht, dass sie eine schwangere Patientin vor sich haben. So war es auch im Fall von Maika M., die während der zweiten Schwangerschaft mehrmals krankgeschrieben war, weil es ihr nicht gut ging. Einmal lautete die Diagnose Burn-out.

Am Tag nach der heimlichen Geburt ging sie mit Bauchschmerzen zu ihrer Hausärztin, die zunächst den Blinddarm im Verdacht hatte und ihre Patientin an die Rettungsstelle des Seelower Krankenhauses verwies. Dort stellten die Ärzte dann fest, dass die junge Frau ein Kind zur Welt gebracht hatte. Sie alarmierten die Polizei.

Der kleine Junge ist inzwischen beigesetzt. Maika M.s Mutter hat sich darum gekümmert. Auch sie hatte bis zuletzt nichts von der Schwangerschaft ihrer Tochter gewusst. Nach der Urteilsverkündung fallen sich die Frauen weinend in die Arme. „Meine Mandantin ist sehr erleichtert“, sagt Verteidiger Böhme. Er sagt aber auch: „Sie wird mit diese Tat immer leben müssen. Allein das ist schon eine Strafe.“

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