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Tom Hanks, Nostalgie und Tristesse

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Eisenhüttenstadt ist Deutschlands größtes Flächendenkmal / Seit der Wende blutet die sozialistische Vorzeigestadt aus – trotz Werbung durch einen Hollywoodstar

Von Prunk zu reden, wäre wohl übertrieben. Die Architektur des Sozialismus konnte aber auch mehr hervorbringen als triste Plattenbauten im Einheitsgrau: Edles Meißner-Porzellan schmückt die Häuserfassaden in der Lindenallee in Eisenhüttenstadt. Die historischen Wohnkomplexe ringsum sind von aufwendigem Fachwerk und Graffito gekrönt.

„Im Klassenkampf ging es eben auch darum, zu demonstrieren, dass die Werktätigen der sozialistischen Staaten komfortabel wohnen können“, erklärt Eberhard Harz schwärmend. Und Werktätige gab es in Eisenhüttenstadt viele: Allein 18  000 Beschäftigte arbeiteten zur Hochzeit im Eisenhüttenkombinat Ost (EKO), dem größten Stahlwerk der ehemaligen DDR.

Eberhard Harz sollte damals als Ingenieur ein großes Warmwalzwerk in Eisenhüttenstadt aufbauen, doch dann ging der DDR wirtschaftlich „die Puste aus“, wie der 64-Jährige es heute ausdrückt.

Kurz nach dem Mauerfall gab es Witze, dass die DDR in Eisenhüttenstadt noch weiterlebe. Doch dann kamen auch hier die großen Brüche - bei EKO-Stahl und in den Biografien. Heute ist Harz Stadtführer und zeigt Touristen die besondere Architektur von Eisenhüttenstadt.

Es ist ein Ort für Nostalgiker: Die Stadt an der Oder gilt als größtes Flächendenkmal in Deutschland. Komplett auf dem Reißbrett entworfen, wurde sie 1950 als erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden gegründet. „Stahl, Brot, Frieden“ lautete der Leitspruch. Ab 1953 hieß die Vorzeigestadt des Arbeiter- und Bauernstaats „Stalinstadt“. Sie war als eine Art Konkurrenzprojekt zum Ruhrgebiet im Westen gedacht. Nachdem Stalin in Ungnade fiel, wurde aus seiner Stadt Anfang der 60er- Jahre deutlich prosaischer Eisenhüttenstadt.

Die Lindenallee mit Geschäften, Restaurants und Theater sei als „Hauptmagistrale“ errichtet worden, berichtet Stadtführer Harz. Zu DDR-Zeiten kamen die Leute gerne hierher, weil es mehr zu kaufen gab als anderswo. „Für DDR-Verhältnisse war die Versorgungslage immer besser“, sagt Harz. Die Kaufhalle in der Lindenallee etwa hatte bis 22 Uhr geöffnet. Für die Kinder der Arbeiter im Schichtdienst gab es eine 24-Stunden-Kita.

In der Ferne sind von der Lindenallee aus die Hochöfen des EKO-Stahlwerks zu sehen. In anderen Städten führen die Alleen meist zu einem Schloss - die Lindenallee führte die Menschen direkt zum Werkstor des riesigen Kombinats. Heute steht dort eine Filiale von „Burger King“, der Schnellrestaurantkette aus den USA – einst der ärgste Klassenfeind.

Der Platz ist ein Sinnbild für den extremen Wandel, den Eisenhüttenstadt in den vergangenen 25 Jahren seit dem Fall des Eisernen Vorhangs durchgemacht hat.

Denn eine Vorzeigestadt ist „Hütte“, wie sie von den Bürgern liebevoll genannt wird, schon lange nicht mehr. Vom einstigen Nimbus ist das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in einer ehemaligen Kinderkrippe geblieben. Sonst herrscht oft eher Tristesse. Wer jung ist und gut ausgebildet, der verlässt die Stadt.

So verlor Eisenhüttenstadt seit der Wende und im Zuge des Strukturwandels durch die Wiedervereinigung gut die Hälfte seiner Einwohner. Von einst weit über 50  000 sind nur 27  500 geblieben - Tendenz weiter sinkend.

Im EKO-Stahlwerk ging die Zahl der Beschäftigten von 18  000 auf knapp 2500 zurück. Das Werk gehört heute dem Konzern ArcelorMittal. Zuletzt kletterten die Mitarbeiterzahlen immerhin wieder ein wenig nach oben, ArcelorMittal will bereits eine „aufstrebende Industrieregion“ erkennen. Jenseits der Werkstore spürt man von der Aufbruchstimmung aber nicht viel.

„Die Stadt ist runter“, meint Rentner Manfred Faber. Bis auf das Stahlwerk und die Papierfabrik gebe es doch keine Arbeit mehr in Eisenhüttenstadt. Faber sitzt auf einer Holzbank im „City Center“, dem Einkaufszentrum von Eisenhüttenstadt. Hier wirbt jeder Laden mit Prozenten und Rabatt. Trotzdem musste der Baumarkt schließen, im Frühling soll der große Supermarkt im Center folgen.

„Die Renten sind bei uns niedrig“, sagt Faber. Die Leute könnten sich zwar die Waren in den Schaufenstern ansehen. „Aber keiner hat Geld, sie zu kaufen.“ Früher zu DDR-Zeiten sei es umgekehrt gewesen: Da hatte man Geld, doch die Regale waren oft leer.

Faber, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, arbeitete über 30 Jahre bei EKO, von 1957 bis 1992. „Ich habe viele Überstunden gemacht“, sagt der 80-Jährige. Faber wohnt im sogenannten 6. Wohnkomplex des historischen Teils in Eisenhüttenstadt. Der Rentner lebt also in einem Denkmal, viel kann er dem aber nicht abgewinnen. Was Eisenhüttenstadt heute lebenswert, interessant mache? Faber überlegt lange. „Da ist nichts Sehenswertes“, findet er.

Und was ist mit Tom Hanks? Beim Tourismusverein Eisenhüttenstadt sind sie immer noch voll auf dem Tom-Hanks-Trip, obwohl der Besuch des US-Schauspielers schon einige Jahre zurückliegt. Im November 2011 stattete er der Oder-Stadt einen Besuch ab. Damals drehte der Filmstar im Studio Potsdam-Babelsberg den Streifen „Cloudatlas“, an einem drehfreien Tag kam er als Tourist nach Eisenhüttenstadt und buchte eine Stadtführung.

Nicht nur Eisenhüttenstadt, sondern ganz Brandenburg war damals aus dem Häuschen. Tom Hanks fand Eisenhüttenstadt sogar gut und warb später in einer US-Talkshow für „Iron Hut City“, wie er die frühere SED-Stadt anschließend nannte.

Heute gibt es in der Tourismuszentrale bunte T-Shirts mit dem Slogan „Iron Hut City“ zu kaufen. Auf anderen steht: „Hast Du Hollywood mal satt, komm nach Eisenhüttenstadt!“ Geschäftsführerin Kathrin Henck findet die Kampagne gelungen. „Da muss man ja Werbung mit machen, ne?“, sagt sie. Spürbar positiv habe sich die Sache mit Tom Hanks ausgewirkt, allein 2014 habe es über 100 Stadtführungen gegeben. 30  100 Übernachtungen wurden gezählt – Tendenz steigend.

Die Stadtführung mit Tom Hanks machte damals Eberhard Harz, es war eine Privatführung. „Ja, ich hab den Hanks geführt“, sagt der Pensionär noch immer stolz. Ein Freund hatte dem US-Schauspieler ans Herz gelegt, sich doch einmal „Stalinstadt“ anzuschauen. Also zeigte Harz dem Schauspieler die Reliquien des untergegangenen Sozialismus. „Der war fasziniert“, sagt Harz. Und habe gar keine Star-Allüren gehabt. Der gebürtige Cottbuser Harz arbeitete lange bei der Eisenhüttenstädter Gebäudewirtschaft GmbH (GEWI), als Geschäftsführer war er eine der zentralen Figuren bei der umfassenden Sanierung der ausblutenden Stadt. Jedes historische Arbeiter-Wohnhaus konnte nicht gerettet werden: Rund 6100 Wohnungen – teils unter Denkmalschutz stehend – wurden seit 1990 abgerissen. Bis 2017 würden weitere 475 folgen, sagt Christiane Nowak, Fachbereichsleiterin Infrastruktur bei der Stadt Eisenhüttenstadt.

Andere Gebäude wurden dagegen mit viel Geld saniert, etwa die ehemalige Arbeiter-Gaststätte „Aktivist“, wofür es den deutschen Denkmalschutz-Preis gab. Auch große Teile der historischen Wohnkomplexe wurden neu verputzt, isolierverglast, mit modernen Heizungen ausgestattet. Die Wohnungen seien nun „gefragt wie sonst was“, meint Stadtführer Harz.

„Neuer Glanz in unserer Stadt“, bewirbt die Stadtverwaltung die Millionen-Investitionen. Die Sanierung in der Innenstadt habe die Wohn- und damit die Lebensqualität positiv verändert. Dass längst nicht alle Bürger zufrieden sind, zeigen ominöse Gruppierungen wie die Facebook-Gruppe „Bürgerwehr Eisenhüttenstadt“, die mit rechtsextremen Äußerungen für Aufsehen sorgte.

Die Anfeindungen der rechten Szene richten sich insbesondere gegen Asylbewerber, in Eisenhüttenstadt liegt die Zentrale Aufnahmestelle des Landes für Flüchtlinge. Die Einrichtung ist stark überbelegt.

Aber auch die sogenannte Mitte der Gesellschaft an der Oder driftet nach rechtsaußen. Vor allem die gestiegene Kriminalität in der Grenzregion ist oft ein Thema. Bei der Landtagswahl wählten in Eisenhüttenstadt 21,3 Prozent die Alternative für Deutschland (AfD), ein Rekordergebnis. „Die erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden ist nicht mehr rot“, schrieb eine Zeitung nach dem Wahltag.

Eberhard Harz sieht der Entwicklung gelassen entgegen. Sicherlich gebe es Autodiebstähle, sagt er, aber doch längst nicht so viele wie noch in den 1990er-Jahren. Auch was die Asylbewerber betreffe, gebe es „einige Dauernörgler“ in der Stadt, aber „keinen offenen Hass“. Dennoch hat auch Eberhard Harz Eisenhüttenstadt verlassen, schon vor zwölf Jahren, wie der Stadtführer überraschend verrät. „Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, hier rauszukommen.“

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