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Panorama BB

24. Oktober 2017 | 11:52 Uhr

Tante Emmas letzte Jahre

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Trotz Fördermittel verschwinden immer mehr Dorfläden / Verbliebenen setzen daher auf zusätzliche Dienstleistungen und soziale Kontakte

von
erstellt am 20.Feb.2015 | 11:31 Uhr

Das Abenteuer, das Manfred Müller vor drei Jahren eingegangen ist, ist für ihn heute noch nervenaufreibend. Er hat in Jacobsdorf (Oder-Spree) das „Einkaufszentrum“ übernommen, einen Flachbau aus den 1960er-Jahren, dessen Betreiber nach der Wende nur wenig erfolgreich waren. „Ich war damals arbeitslos und habe einfach die Chance ergriffen“, sagt der 55-Jährige. „Die Leute waren dankbar.“ Dennoch sind es nur kleine Einkäufe, die Anwohner bei ihm tätigen. Müller setzt daher auf ein Vollsortiment, bietet auch Wurst, Fleisch, Salate und Räucherfisch an, backt Brötchen, kocht ein Mittagsgericht, bringt Senioren die Waren nach Hause. Donnerstag und Freitag ist der Laden gut besucht. „Sonst schleppt man sich durch die Woche“, sagt der Inhaber. „Es ist ein hartes Brot, aber man kommt irgendwie über die Runden.“

Es ist eine oft schwierige Beziehung, die Dorfläden zu ihren Kunden haben: Man braucht sich, aber zu einem glücklichen Zusammenleben fehlt noch sehr viel. So wurden die Tante-Emma-Läden in der Vergangenheit mit großem Enthusiasmus und großen Hoffnungen von jüngeren Nachfolgern übernommen, die Anwohner versicherten, dort auch einkaufen zu gehen. Doch letztlich kamen nur wenige. Kleine Läden seien überteuert und verstaubt – so lauten gängige Vorurteile.

So soll der „HO Protzen“ im Mai schließen. Ein junges Paar hatte in dem Ortsteil von Fehrbellin (Ostprignitz-Ruppin) mit viel Liebe zum Detail einen Laden in dem früheren Schulgebäude eröffnet. Sie backten Kuchen, kochten Kaffee, veranstalteten Grillfeste auf dem Hof. „Im Laufe der Zeit sind immer weniger Kunden gekommen“, sagt Nicole Rösicke, die das Geschäft als „Hobby“ führte – hauptberuflich arbeitet sie als Bürokauffrau. Nach Feierabend und an den Wochenenden stand sie zwischen den Regalen und wartete geduldig.

Dagegen hatte Rosemarie Ebel mehr Glück. Sie übergab ihre gut funktionierende „Einkaufsquelle“ in Grüntal (Barnim) an ihren Nachfolger – ein Computerfachmann übernahm das Geschäft und stellt dort seine Frau an. „Das ist hier ein absoluter Treffpunkt für die Dorfbewohner, hier erfährt man viele Neuigkeiten“, sagt die 63-Jährige, die in Rente geht. Den Kunden bot sie möglichst alles an, „auch Briefmarken oder Socken“.

Es ist eine Entwicklung, die sich auch in Zahlen ablesen lässt. So teilte das Bundeslandwirtschaftsministerium mit, dass die Zahl der kleinen Lebensmittelgeschäfte zwischen 1966 und 2013 von 150  000 auf 38  000 zurückging. Demnach beträgt in kleinen Landgemeinden die Entfernung zum nächsten Supermarkt durchschnittlich schon 2,7 Kilometer. Aus einer Studie des Thünen-Instituts geht zudem hervor, dass vor allem „Multifunktionsläden“, die Dienstleistungen anbieten, sowie von Bürgerinitiativen betriebene Shops die größten Überlebenschancen haben.

Dies bestätigt auch Günter Päts, Vize-Geschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. „Wer ein Paket aus Dienstleistungen schnürt, wirklich alles anbietet, was sich irgendwie lohnt, und am Abend noch einen Kneipenbetrieb dort integriert, wird vielleicht dauerhaft bestehen können“, sagt er. Auch ein gut organisierter Lieferservice könne zum Erfolg beitragen.

Insgesamt jedoch ist die Entwicklung in Brandenburg seit Jahren negativ: Päts schätzt, dass landesweit noch 70 bis 100 Lebensmittelläden in Dörfern existieren – und auch diese seien bedroht. Die Landbevölkerung sei heute mobiler und könne auch zum Discounter fahren, sagt er. „Mit den dortigen Preisen kann sowieso niemand konkurrieren.“

Von Bürgern wurde im vergangenen Jahr das „Dorv-Zentrum“ in Seddin (Potsdam-Mittelmark) gegründet, ein Geschäft, ein Café, eine Bibliothek und ein Mehrzweckraum unter einem Dach. Das mit EU-Fördermitteln sanierte Gebäude werde gut angenommen, sagt der Vorsitzende des Trägervereins, Michael Schmidt. „Wir hatten sechs Jahre Planungsphase, haben alles genau durchgerechnet“, sagt er. Fest steht für ihn: „Ein Laden alleine hätte keine Chance.“ Auch in anderen Orten entstanden mit Geldern aus Brüssel neue Läden, die vor allem Landwirten zur Direktvermarktung dienen. Ein Förderprogramm des Landes gibt es allerdings nicht mehr. „Die Initiativen müssen aus der Dorfgemeinschaft kommen“, sagt Manfred Bauer, Demografie-Fachmann in der Staatskanzlei. Zudem müsse die Nachfrage geprüft werden. „Mit frischen Ideen kann viel gelingen.“

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