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„Wald der Erinnerung“ : Stiller Gedenkort für die Soldaten

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Oberstleutnant Günter Loss führt zum verschneiten Ehrenhain des Feldlagers OP North, einer kleinen Feldsteinmauer, das von einem Steinkreuz bekrönt wird – mit der Inschrift „Den Toten zur Ehr“.

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erstellt am 07.Feb.2015 | 10:00 Uhr

Oberstleutnant Günter Loss führt zum verschneiten Ehrenhain des Feldlagers OP North, einer kleinen Feldsteinmauer, das von einem Steinkreuz bekrönt wird – mit der Inschrift „Den Toten zur Ehr“. Die Toten, das sind drei Bundeswehrsoldaten, die im Februar 2011 in dem Stützpunkt von einem Terroristen mit einem Sturmgewehr erschossen wurden. Der Angreifer hatte als afghanischer Wachsoldat in dem Stützpunkt gedient, war jedoch ein „Schläfer“ der Taliban.

Die Namen der getöteten Männer wurden in drei Zahnkränze gefasst, in Erinnerung an die letzte Aufgabe, die sie kurz vor ihrem Tod erfüllten. Sie hatten die Kette eines Schützenpanzers repariert, als sie von den Kugeln getroffen wurden. Loss war selbst mehrfach am Hindukusch und im Kosovo. Wenn er Besuchern die neue Gedenkstätte der Bundeswehr für getötete und verunglückte Soldaten zeigt, kommen bei ihm traurige Erinnerungen wieder hoch. „Ich habe vier Kameraden verloren, das vergisst man nie“, sagt er.

Fünf Ehrenhaine wurden auf dem 4500 Quadratmeter großen Gelände in der Henning-von-Tresckow-Kaserne wieder aufgebaut, die am Einsatzort von den deutschen ISAF-Soldaten teilweise mit einfachsten Materialien errichtet wurden. Zwei Erinnerungsstätten ziehen noch nach Geltow um. Sämtliche Namen von 104 Bundeswehrangehörigen, die ihr Leben in Afghanistan, Usbekistan, Kambodscha, Georgien, Jugoslawien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Albanien ließen, finden sich auch auf sieben Stelen, die einen Weg im „Wald der Erinnerung“ säumen. „Es ist ein angenehm zurückhaltend gestalteter Gedenkort“, sagt Loss und streicht mit der Hand über die schlichten Bronze-Buchstaben auf Granit. Gleichzeitig herrsche fast immer Stille auf dem Areal.

Loss deutet auf vier Namen, hinter denen das Jahr 2003 zu lesen ist. „Sie fielen dem ersten Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan zum Opfer“, berichtet der Offizier, der 38 Jahre gedient hat und im Sommer in den Ruhestand ging. Seitdem übernimmt er als Reservist Aufgaben bei der Truppe, derzeit führt er Besucher über die Gedenkstätte.

Loss weicht vom Weg ab und zeigt Bäume, an denen von Angehörigen bereits zahlreiche Gedenkschilder angebracht wurden. Darauf stehen Namen von Bundeswehrangehörigen, die nicht in Auslandseinsätzen, sondern während des Dienstes in der Heimat starben – bei Manövern oder Verkehrsunfällen. Insgesamt 3200 Todesfälle wurden seit Gründung der Bundeswehr registriert. Bestattungen sind auf dem Gelände ausgeschlossen. Die meisten Soldaten wurden am Wohnort der Familien beigesetzt.

Der Rundgang schließt am „Ort der Stille“, einem offenen Kubus. Dieser Bau sei bewusst neutral gehalten, erzählt der Offizier. Auf religiöse Zeichen wurde bewusst verzichtet. Blumen liegen auf den Granitsteinen, Kerzen flackern. Angehörige oder Freunde der Soldaten verweilen an dem Ort längere Zeit. „Sie wollen meist in ihrer Trauer allein sein.“ Auf Wunsch stehen Psychologen des Einsatzführungskommandos bereit. „Ich habe zwei Mal erlebt, dass Hinterbliebene nicht mehr in der Lage waren, alleine wegzufahren“, erzählt Loss.

Bislang hat die Bundeswehr fast 2200 Besucher im „Wald der Erinnerung“ gezählt, der im vergangenen November eröffnet wurde. Doch der abgelegene Ort hatte auch für viel Kritik gesorgt. Der frühere Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD) bezeichnete den aus seiner Sicht versteckten Standort als Beleg „für eine verfehlte Gedenkkultur in Deutschland“. Der Bund deutscher Veteranen meinte, die Stätte hätte in der Nähe des Bundestags gebaut werden müssen – wo über Auslandseinsätze entschieden wird.

Das sieht Loss anders. Von der Kaserne in Geltow aus würden sämtliche Operationen der Bundeswehr im Ausland geführt, sagt er. Daher ist die räumliche Nähe zum Einsatzführungskommando aus seiner Sicht gut gewählt. „Der Ort ist zudem für jedermann zugänglich.“ Und letztlich sei das Gestaltungskonzept eines Berliner Architekten ausgezeichnet worden. „Von Angehörigen haben wir nur positives Echo erfahren“, berichtet er.

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