Obst : Stibitzen nicht verboten

Kai Gildhorn, Gründer der Initiative mundraub.org auf einer Streuobstwiese.
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Kai Gildhorn, Gründer der Initiative mundraub.org auf einer Streuobstwiese.

Von Obstbäumen auf öffentlichen Flächen darf jeder ernten: Eine digitale Karte verrät, wo sie stehen.

Dutzende Obstbäume auf einer alten Streuobstwiese, eine Markierung auf einer digitalen Karte und viele helfende Hände – das sind die Zutaten für das Erntecamp. Die Initiative „mundraub.org“ hat zur gemeinsamen Kirschernte auf einer etwa sechs Hektar großen Obstwiese des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Stahnsdorf (Landkreis Potsdam-Mittelmark) aufgerufen. Die Idee dahinter: Die Menschen sollen erkennen, wie viel Obst im öffentlichen Raum reif an Bäumen und Sträuchern hängt – häufig aber verkommt. Neben Streuobstwiesen gibt es in Brandenburg vor allem Apfel- und Birnenbäume an Alleen, aber auch Kirschen, Esskastanien oder Nüsse.

Mehr als 20 Menschen haben sich als „Mundräuber“ zum Erntetag angemeldet, eine bunte Truppe: Sie sind Anfang 30, bereits um die 50 oder noch im Kindesalter. Bei Temperaturen weit über 30 Grad stellen sie Leitern an die knorrig-alten Kirschbäume und pflücken das schon fast überreife Obst von den Zweigen: nahezu schwarze, dicke Süßkirschen, rot-gelbliche Glaskirschen und kleine, hellrote säuerlich-süße Früchte.

Die Anstrengung lohnt: „Wenn du die Kirschen vom Baum selbst pflückst, schmecken die ganz anders“, meint Eva Rohde. Die Assistentin der Geschäftsleitung für ein Berliner Start-up trägt zwei Plastikkisten voll Kirschen zu einem Holzverschlag auf der Wiese.

Die 33-Jährige ist zusammen mit ihrem Freund Jan Dreger da. Er meide Obst aus dem Discounter möglichst, berichtet der 34-Jährige. Die Qualität leide unter dem Preisdruck – bei dem Obst auf der Wiese könne man hingegen sicher sein, dass es nicht mit Pestiziden behandelt sei. „Hier haben die Kirschen nur Maden“, sagt er.

Beide sind auf dem Land aufgewachsen und leben jetzt in Berlin – ohne eigenen Garten. Bei einem „Mundraub“-Erntecamp sind sie zum ersten Mal. Sie wissen aber, dass das Pflücken von öffentlich zugänglichem Obst früher für viele Menschen normal war. Irgendwann sei diese gute Idee dann aber wohl eingeschlafen, meint Eva Rohde.

Kai Gildhorn, der das Portal „mundraub.org“ vor sechs Jahren gegründet hat, will sie zum Leben erwecken. Der Weg: Eine digitale Karte mit Punkten, an denen Essbares im öffentlichen Raum – etwa Pflaumen an einem Allee-Baum oder Walnüsse an einem Strauch neben einem Parkplatz - entdeckt wurden. Die Gemeinschaft besteht inzwischen aus über 25  000 Nutzern, über 16  000 Fundorte sind bereits eingetragen.

Zuvor sollten allerdings die Eigentumsrechte geklärt sein, betont Eike Baur von „mundraub.org“. Die Plattform biete den Dienst als gemeinnütziges Unternehmen an, rechtliche Verantwortung für die Obsternte trage sie nicht. Im Zweifelsfall solle nachgefragt werden, ob ein Stück Land nicht doch verpachtet ist oder einen privaten Eigentümer hat, rät er.

Auch in Naturschutzgebieten ist das Ernten verboten. Und übertreiben sollte man nicht: Nach der „Handstraußregel“ darf jeder nur so viel ernten, wie er in der Hand mitnehmen kann. Nachzulesen sind derartige Regeln im „Mundräuber Handbuch“ der Initiative.

Die Organisation möchte Menschen mit Hilfe der Daten selbst zu Aktionen wie Erntecamps motivieren. In Kooperation mit Unternehmen und Kommunen setzt die Initiative sich dafür ein, dass Kulturlandschaften wie alte Obstbaum-Alleen in Brandenburg nachgepflanzt werden. „Das Obst in den Alleen ist nicht mehr ernährungsrelevant, sondern eher lästig, weil Obstbäume Arbeit machen“, erklärt Gründer Gildhorn.

Nach dem Motto „Freies Obst für freie Bürger“ wollen die Initiatoren die Menschen dazu ermutigen, das Allgemeingut für sich zu nutzen - etwa für eine Apfelernte im kommenden Herbst.

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