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Spaß, der tödlich werden kann

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

In Berlin und Brandenburg sind in dieser Saison schon mindestens 20 Menschen ertrunken

Aus Badespaß kann schnell bitterer Ernst werden. Allein in Berlin und Brandenburg zählt die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in dieser Saison bislang 20 Badetote. 2013 ertranken in ganz Deutschland 446 Menschen.

Frank Villmow, Landeseinsatzleiter der DLRG Berlin, ist um seinen Job als Rettungsschwimmer nicht zu beneiden. Sand zwischen den Zehen, braungebrannt, nach Feierabend surfen, so das gängige Klischee. Doch oft geht es um Leben und Tod. Mehr als 1200 Mal mussten er und seine Leute in diesem Sommer ausrücken. In einigen Fällen konnte der Notarzt nur noch den Totenschein ausstellen.

Hin und wieder geht es auch gut aus. „Wir führen eine positive Statistik. In Berlin haben wir etwa 30 Lebensrettungen pro Jahr“, sagt Frank Villmow. Wenn es um Kinder geht, kennt er kein Pardon. „Nichtschwimmer gehören in einen Schwimmkurs und nicht auf den See. Auch nicht mit Gummi-Enten.“ Erst kürzlich seien an der Wasserrettungsstation Reiswerder am Tegeler See ein dreijähriges und ein achtjähriges Kind fast ertrunken. Die beiden rutschten von der Luftmatratze und trieben mit ihren Schwimmflügeln ins Tiefe. Geistesgegenwärtig pflügte ein Rettungsschwimmer hinterher und brachte beide an Land. Die Eltern sonnten sich am Strand.

In 38 Jahren als Rettungsschwimmer hat Frank Villmow schon einiges erlebt. „Überschätzung der eigenen Kräfte, verheddern in Schlingpflanzen, im Sog der Schiffsschraube – jeder Unfallhergang ist anders“, sagt er. Anders als in Binnengewässern sei an der Küste ein Unfallschema erkennbar. „Problematisch ist dort die Strömung.“ Die Leute verlieren irgendwann ihre Kräfte. Um ans Ufer zu kommen, rät Frank Villmow, seitlich aus einer Strömung heraus zu schwimmen, um eine Stelle mit schwacher oder entgegengesetzter Sogwirkung zu finden.

Schon sein Vater engagierte sich bei der DLRG. Immerhin: 200 000 Kinder lernen jährlich bei der DLRG schwimmen. Und viele bleiben. Wenn Frank Willmow mit dem Fernglas auf dem Wachturm sitzt und auf das Wasser blickt, weiß er intuitiv, worauf er achten muss. Einen Ertrinkenden zu erkennen, ist allerdings gar nicht so einfach. Menschen könnten mit wilden Schreien und wedelnden Armen auf ihre Notlage aufmerksam machen. „Doch meist verläuft das Ertrinken ruhig“, sagt Frank Villmow.

Wer Wassertröpfchen eingeatmet hat, bei dem wird meist ein Krampf ausgelöst. Wenn sich der Kehlkopf verschließt, können Menschen weder atmen, noch sprechen oder gar um Hilfe rufen. Hier rät der Experte, Ruhe zu bewahren. Denn nach etwa 30 bis 60 Sekunden löst sich der Krampf, und der Körper schnappt reflexartig nach Luft. Wer jedoch panisch reagiert, inhaliert Wasser, sobald der Atemreflex ausgelöst wird – und ertrinkt. Wenn der Kopf länger als zehn Minuten unter der Wasseroberfläche war, bleibt eine Wiederbelebung in 90 Prozent der Fälle erfolglos.

„Unsere Realität ist anders als bei Baywatch im Fernsehen.“ Erst kürzlich sei morgens jemand schwimmen gegangen und nicht zurückgekehrt. „Wir haben gleich eine Suchkette eingeleitet“, so der Einsatzleiter. Doch die Hilfe kam zu spät. „Einsätze mit negativem Ausgang können eine enorme psychische Belastung mit sich bringen.“ Mitunter werden Personen vorübergehend aus dem Dienst genommen.

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