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Die Kirche versucht zu helfen : „Sie brauchen mehr als ein Dach über dem Kopf“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

„Menschen brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf, das Materielle - sie brauchen auch das Seelische“, sagt der Theologe Bernhard Fricke.

Zuhören ist für ihn das Wichtigste, die Basis. „Menschen brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf, das Materielle - sie brauchen auch das Seelische“, sagt der Theologe Bernhard Fricke. „Zuhören hat etwas Heilendes.“ Der 57-Jährige kann auf eine jahrelange Erfahrung in der Flüchtlingsseelsorge verweisen: Er arbeitet seit 2012 in der Abschiebehaft in Eisenhüttenstadt, seit etwa zehn Jahren in der Berliner Einrichtung in Köpenick. Nun ist der gebürtige Niedersachse neuer Flüchtlingspfarrer von Potsdam – als einziger in der Landeskirche für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz mit einer Vollzeitstelle.

Etwa 25  000 Mitglieder hat der Kirchenkreis Potsdam, dem 22 Gemeinden in der Landeshauptstadt sowie Werder und Umgebung angehören. Das sind laut Kirchenkreis etwa 15 Prozent aller Einwohner in dem Gebiet. So oft es geht will Fricke nun Flüchtlinge mit den Gemeindemitgliedern zusammenbringen. In der Begegnung sieht er die Chance für ein gedeihliches Zusammenleben von Christen und Muslimen - auch innerhalb der Kirche. „Nachdem, was ich bislang gehört habe, unternimmt Potsdam große Anstrengungen zur Integration der Menschen“, sagt der Seelsorger. Er hofft auf gemeinsame Projekte – beispielsweise mit der Industrie- und Handelskammer oder regionalen Arbeitgebern.

Rund 950 Asylsuchende erwartet die Stadtverwaltung in diesem Jahr in Potsdam. Etwa 300 seien bislang aufgenommen worden, berichtet ein Sprecher. Angesichts des Flüchtlingsstroms kommen die Kommunen kaum nach, genügend Unterkünfte herzurichten. Nach jüngsten Zahlen erwartet Brandenburg in diesem Jahr knapp 13  900 Menschen - doppelt so viele wie 2014 .„Niemand verlässt seine Heimat, seine Kultur, seine Sprache ohne Grund“, betont der Pfarrer. Dieser Verlust sei für viele Flüchtlinge traumatisch. Doch für das einzelne Schicksal sei in den Asylverfahren bislang kaum Platz. „Diese Rahmenbedingungen müssen wir ändern. Sonst haben die Menschen keine Chance, anzukommen.

Seine Erfahrungen an der Basis will Fricke weitergeben an die Synode – damit diese ihre Stimme erhebt, wann immer es ihr das kirchliche Mitspracherecht ermöglicht. „Wir müssen uns einmischen“, betont er. Dazu gehöre aber auch, deutlich Nein zu sagen, wenn dies nötig sei. Gewaltverherrlichung im Namen der Religion sei so ein Fall.

Er sei ein politisch interessierter Mensch, sagt der Vater dreier Kinder im Alter von 13 bis 19 Jahren. Der Northeimer kommt aus der Friedensbewegung. Während seines Studiums verschlug es ihn fünf Jahre vor dem Mauerfall nach West-Berlin. Im Landkreis Oberhavel, wo Fricke inzwischen mit seiner Familie lebt, hat er ein Forum gegen Rassismus in Oranienburg angestoßen. In Hennigsdorf initiierte er die erste Flüchtlingsberatungsstelle ihrer Art in der Region.

Das Thema ist ihm ein Anliegen. „Da kann man noch viele wachküssen - egal ob evangelisch oder katholisch.“

Kirchenasyl sei noch das letzte Mittel, um eine Abschiebung zu verhindern. Die gewonnene Zeit sei oft nötig, um das einzelne Schicksal umfassend aufklären zu können. Entscheidet sich eine Gemeinde dazu, übernimmt sie jedoch nicht nur Kosten, sondern auch Verantwortung: Nicht jede Gemeinde kann dies stemmen. Fricke sieht die Chance in gemeinsamen Entscheidungen des Kirchenkreises. „Wir haben nicht genug Gemeinden, die Asylsuchende aufnehmen können. Aber gemeinsam lässt sich vielleicht ein Weg finden, wenn eine Gemeinde sich zu diesem Schritt entscheidet.“

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