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Eingesperrt und doch nicht im Knast : Sicherungsverwahrung bleibt Spagat

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Hinter ihnen werden künftig Sicherungsverwahrte leben. Die derzeit acht Gewalt- und Sexualstraftäter sollen im November - nach einem technischen Probelauf des neuen Gebäudes - in den neuen Klinkerbau umziehen.

Der Fußboden ist gelb-orange, die Wände sind cremeweiß mit Orange. Die helle Küchenzeile im Eingangsbereich fügt sich harmonisch ein. Gegenüber befindet sich ein weißgekacheltes Bad mit behindertengerechter Dusche. Die zwei bis fast auf den Boden gehenden Fenster lassen viel Licht hinein. Der etwa 25 Quadratmeter große Raum wirkt freundlich, gleicht einem schlichten Appartement - wären da nicht die Gitter vor den Fenstern.

Hinter ihnen werden künftig Sicherungsverwahrte leben. Die derzeit acht Gewalt- und Sexualstraftäter sollen im November - nach einem technischen Probelauf des neuen Gebäudes - in den neuen Klinkerbau umziehen. Für rund zehn Millionen Euro ist das zweigeschossige Gebäude in den vergangenen zwölf Monaten in Brandenburg/Havel entstanden.

Veranschlagt hatte das Justizministerium 10,4 Millionen Euro. Doch nach derzeitigem Stand wird es günstiger, berichtet Minister Helmuth Markov (Linke) gestern bei einem Presserundgang durch den fast fertigen Bau.

Ende September sollen die Arbeiten beendet sein. Der Neubau ist nötig, weil die Sicherungsverwahrung - anders als die Haft - keine Strafe für ein Verbrechen ist. Die Straftäter bleiben hinter Gitter, obwohl sie ihre Strafe verbüßt haben. Die Verwahrung beruht auf Gefährlichkeitsprognosen - eine höchst umstrittene Grundlage. Unterbringung und die Möglichkeiten der Therapie für Sicherungsverwahrte müssen darum nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts deutlich besser sein als in der Haft. „Freiheitsorientiert bauen im Knast ist eine Herausforderung“, sagt Kurt Sprenger, Leiter der Einrichtung. Der Psychologe kennt die Vorwürfe, dass zu viel Geld für einen „Luxus-Knast“ ausgegeben wird.

„Es ist unser Sicherheitsbedürfnis, das letztlich solche Bauten und Ausgaben bedingt“, betont er. „Wir sind nicht bereit, Risiken einzugehen, die von Menschen ausgehen, die schon mal im Strafvollzug gewesen sind.“ Und so sind auf einer Fläche von 1578 Quadratmetern 18 Wohneinheiten entstanden.

Zwar befindet sich das neue Gebäude auf dem Gelände der historischen Strafanstalt, in deren Umbau seit der Wiedervereinigung 1990 laut Finanzministerium rund 138 Millionen Euro investiert wurden. Von einer Mauer abgeschirmt, bildet der Klinkerbau jedoch einen eigenen Komplex.

Die zwei Schenkel, in denen Platz für zwei Wohngruppen ist, umschließen das künftige Hofgelände. „Dort entstehen Hochbeete“, schildert Sprenger. „Die neuen, lichten Räume stellen keinen Luxus dar. Sie sollen die notwendigen Freiräume hinter Mauern schaffen“, erläutert Markov.

In den Wohneinheiten sollen die Sicherungsverwahrten lernen, in Gemeinschaft zu leben und damit auch auf eine mögliche Entlassung hinarbeiten. „Wir brauchen einen Raum für Menschen, die bislang nicht gelernt haben, ihr Leben eigenständig zu führen“, erklärt Sprenger.

Zudem gibt es mehr Lockerungen: Zehn Stunden Besuchszeit gibt es monatlich, in der Strafhaft sind es laut Vollzugsgesetz sechs. Auch Telefon und Computer sollen die Straftäter - je nach Geldbeutel - nutzen können.

Eine direkte Zusammenarbeit gibt es mit Mecklenburg-Vorpommern. Die Länder haben im Sommer einen Staatsvertrag geschlossen, wonach Gewalttäter aus beiden Bundesländern in Bützow untergebracht werden, die Sexualtäter in Brandenburg/Havel. Der Austausch soll laut Ministerien sicherstellen, dass die Straftäter jeweils die Therapien erhalten, die so individuell wie möglich auf ihre Defizite zugeschnitten sind. Das neue Gebäude im Nachbarland wurde bereits im Juni auf dem Gelände der Vollzugsanstalt Bützow in Betrieb genommen.

 

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