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Aus dem Gerichtssaal : Prozess um Übergriffe auf einen behinderten Jungen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Geständnis des Angeklagten zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Cottbus

svz.de von
erstellt am 20.Okt.2015 | 17:34 Uhr

Zwei Jungen besuchten vor rund zwei Jahren regelmäßig nachmittags ein Mädchen bei dessen Vater im Spreewald. In der Wohnung spielten sie am Computern. Ein PC stand im Schlafzimmer, wohin sich einer der Brüder – ein geistig Behinderter – oft zurückzog. Wenn der Vater des Mädchens zu ihm ins Zimmer kam, wurde die Tür abgeschlossen. All das schildert der angeklagte 54-Jährige gestern in Cottbus vor Gericht zum Prozessauftakt um sexuellen Missbrauch. Nach und nach gibt der Mann zu, sich monatelang am Jungen vergangen zu haben.„Er hat sich meist hingelegt, wollte sich ausruhen.“

Die Mutter des Opfers, die dem Angeklagten gegenüber sitzt, hält ihre Hand vor den Mund, als der Kraftfahrer den Missbrauch bruchstückhaft beschreibt. Mehrmals pro Woche sei es dazu gekommen, schildert er mit leiser Stimme. Stockt immer wieder, blickt auf einen Aktenordner, spricht lange gar nichts. Im Saal wird es still.

Die Lage spitzte sich im Sommer 2014 zu. Der 14-Jährige verließ die elterliche Wohnung in Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz), kam aber nicht in seiner Förderschule an. Die Eltern gingen zur Polizei. Ermittler suchten wochenlang nach dem Vermissten. Sie klingelten auch beim Angeklagten und durchsuchten die Wohnung, wie ein Polizist aussagt. Fündig wurden sie nicht. Der Angeklagte erläutert, der Jugendliche sei damals hinter einen Schrank im Schlafzimmer geklettert. Nach vier Wochen fand die Polizei den Vermissten.

Der 54-Jährige, der heute in Cottbus lebt, sagt über das Verschwinden des Jungen: „Er wollte von zuhause weg, ist plötzlich bei mir aufgetaucht. Ich war überfordert mit der Situation.“ Über das Verhältnis zu dem Behinderten sagt er: „Er hat mich als Vater gesehen.“

Die Staatsanwältin betont bei der Anklageverlesung, dass das Opfer durch die geistige Behinderung die Bedeutung der Handlung des Mannes nicht habe erfassen können. „Dies nutzte der Angeklagte bewusst aus.“ Die Anklage geht davon aus, dass der Mann den Jungen über einen noch längeren Zeitraum missbrauchte, als er zugibt.

Die Anklage wirft dem Mann Kindesentziehung und sexuellen Missbrauch in 152 Fällen vor. Er soll auch 2012 seinen Pflegesohn missbraucht haben. Der Mann habe dem Opfer gedroht, dass es zurück ins Heim müsse, wenn er die Forderungen nicht erfülle. Das streitet der Kraftfahrer vehement ab.

Es ist die zweite Hauptverhandlung in der Sache, eine frühere musste wegen Erkrankung eines Richters ausgesetzt werden. Damals äußerte sich der Angeklagte ähnlich.  

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