Vermisste Kinder : Plötzlich weg

So wie Josephine aus Schildow werden jährlich 100 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland vermisst gemeldet. Meist kehren sie nach wenigen Tagen wohlbehalten nach Hause zurück.
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So wie Josephine aus Schildow werden jährlich 100 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland vermisst gemeldet. Meist kehren sie nach wenigen Tagen wohlbehalten nach Hause zurück.

So wie Josephine aus Schildow (Oberhavel) werden jährlich 100 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland vermisst gemeldet. Meist kehren sie jedoch nach wenigen Tagen wohlbehalten nach Hause zurück.

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10. April 2015, 12:00 Uhr

Nach zwei Tagen ist der Ausflug vorbei: Am Dienstag, dem 10. Februar, abends kurz nach halb acht, greifen Bundespolizisten im Berliner Ostbahnhof zwei Jugendliche auf. Schnell stellen die Beamten fest, dass das junge Pärchen vermisst wird. Am Sonntag zuvor ist der 15-Jährige mit seiner gleichaltrigen Freundin im Volkswagen seines Vaters aus der Heimatstadt in Thüringen abgehauen. Als Grund nennt die Jugendliche Streitereien mit ihren Eltern. Die Bundespolizei konnte das Pärchen zwar noch in der Nacht an die Eltern übergeben, und selbst der Volkswagen ging unbeschadet an seinen Besitzer zurück. Doch über die Gründe für das Verschwinden muss die Familie reden – auch wenn die Polizei den Fall längst zu den Akten gelegt hat.

So wie die beiden 15-Jährigen reißen jährlich Tausende Minderjährige von zu Hause aus. „Wir wissen aus Erfahrung, dass junge Menschen aus sehr unterschiedlichen Gründen ausreißen“, sagt Lars Bruhns von der „Initiative Vermisste Kinder“. Mal flüchten die Jugendlichen vor Problemen und Streitereien mit den Eltern, mal wollen sie Mobbing unter Freunden oder gar Missbrauch entgehen. Häufig nennen sie auch ein allgemeines „Unglücklichsein“ als Grund für die Flucht. Aber auch der grundsätzliche Drang nach Freiräumen könne Ausreißer anspornen, so Bruhns.

In Brandenburg schwankt die Zahl der Vermisstenfälle seit Jahren zwischen 200 und 250 – knapp die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. Die „Initiative Vermisste Kinder“, auf deren Facebook-Seite der Fall der beiden 15-Jährigen aus Thüringen geschildert wird, geht davon aus, dass deutschlandweit jährlich 100  000 Kinder und Jugendliche als vermisst gemeldet werden. In bis zu 98 Prozent der Fälle haben die Kinder und Jugendlichen ihr gewohntes Umfeld aus eigenem Antrieb verlassen: Sie sind ausgerissen. Zugleich hebt die Initiative hervor, dass die Vermissten in mehr als 99 Prozent der Fälle wohlbehalten wieder auftauchen. Ähnlich hohe Erfolgsquoten meldet auch das Bundeskriminalamt auf seiner Internetseite.

Ein Grund dafür ist, dass die Polizei besonders sensibel mit Fällen umgeht, in denen Minderjährige vermisst werden. Während eine Fahndung nach Erwachsenen erst eingeleitet wird, wenn Gefahr für Leib und Leben angenommen werden muss, genügt es bei Kindern und Jugendlichen, nicht zu wissen, wo sie sich aufhalten. „Solange die Ermittlungen nichts anderes ergeben, wird vorsichtshalber von einer Gefahr für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit des Betroffenen ausgegangen“, heißt es beim Bundeskriminalamt. Darüberhinaus bietet die „Initiative Vermisste Kinder“ eine europaweite Rufnummer an: 116  000.

Dass die meisten Jugendlichen spätestens nach ein paar Tagen wohlbehalten zurück sind, bestätigt Polizeisprecherin Dörte Röhrs von der Direktion Nord in Neuruppin, die sich auch mit dem Verschwinden von Josephine aus Schildow (Oberhavel) beschäftigt hat. Röhrs bezeichnet den Fall der 14-Jährigen als „außergewöhnlich“: Das Mädchen sei sehr lange vermisst gewesen; außerdem sei keine konkrete Richtung zu erkennen gewesen, wohin sie mit ihrem Onkel verschwunden sein könnte.

In der Folge entschied sich die Polizei, ein Bild von Josephine zu veröffentlichen und die Öffentlichkeit um Hilfe bei der Suche zu bitten. Röhrs berichtet, dass in den vergangenen fünf Wochen rund 60 Hinweise eingegangen seien. Die Tipps kamen aus fast allen Bundesländern und aus dem Ausland. Schließlich wurde im gesamten Schengen-Raum nach Josephine gefahndet.

Dass die Polizei – wie bei Josephine – zur Öffentlichkeitsfahndung schreitet, muss wohlüberlegt sein. Die Suche über Medien und soziale Netzwerke wie Facebook habe Vor- und Nachteile, erklärt Dörte Röhrs. Einerseits biete sie großes Potenzial: „Das Bild des Vermissten bleibt in den Köpfen. Vielleicht erkennt ihn jemand auf der Straße.“ Andererseits bestehe die Gefahr, dass der Druck auf den Vermissten erhöht wird, sodass er sich noch weiter zurückzieht.

Außerdem erschwere es den Betroffenen die Rückkehr ins normale Leben, wenn sie wieder da sind. „Es wird für das Mädchen dadurch nicht leichter, danach wieder Fuß zu fassen.“ Das weiß auch die „Initiative Vermisste Kinder“. „Sobald ein Fall gelöst ist, nehmen wir die Anzeigen aus unseren Medien raus, danach ist der Fall abgeschlossen und sollte auch nicht weiter im Social Web diskutiert werden“, erklärt Lars Bruhns. „Die Familie hat jetzt ein Recht auf Privatheit.“

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