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Prozessbeginn : Plötzlich explodierte der Erfolg

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Mit krimineller Energie und technischem Geschick machte eine Bande Millionengewinne mit Potenzmitteln

svz.de von
erstellt am 29.Jan.2014 | 00:34 Uhr

Die Story ist filmreif, nur die handelnden Personen müsste man ganz anders besetzen. Jene sieben Männer und eine Frau auf der Anklagebank haben eine hoch komplexe, weltweit vernetzte Betrugsmaschine aufgebaut, Gewinne erzielt, von denen Drogenhändler träumen, aber sie sehen unscheinbar aus wie Lehrer oder Verkäufer im Elektromarkt. Jener Mann, der zwischen 2008 und 2011 wahrscheinlich Millionen Deutsche mit besonders ausgeklügelten Spam-Mails zum Thema Viagra nervte, hat weiche Gesichtszüge, zum Zopf gebundene lange Haare und einen Bauchansatz. Als „sehr fleißig und sehr ernsthaft“ skizziert ihn die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift. Seine Gesamteinnahmen im Tatzeitraum: 418 000 Euro.

Ganz am Anfang, im Jahr 2006, hatten drei Kaufleute damit begonnen, asiatische Fälschungen von in Deutschland nicht zugelassenen oder rezeptpflichtigen Potenzmitteln über das Internet zu verkaufen. Sie verfügten weder über eine Apothekerausbildung noch über Labortechnik. Als sie merkten, wie gut das Geschäft läuft, zogen sie die Sache größer auf. Sie gründeten Tarnfirmen, legten sich Büros im Ausland zu, vor allem aber warben sie in ganz Deutschland neue Mitarbeiter, Leute, die sich mit dem Internet auskennen. Bald hatte die Bande einen Chef-Designer für ihre Online-Auftritte, etliche Programmierer und vor allem 800 „Webmaster“.

Letztere sorgten dafür, dass Internetseiten mit Namen wie „Pillendienst“ oder „Männer-Apotheke“ Zulauf erhielten und der Geschäftserfolg der Bande ab 2008 „explodierte“, wie es Staatsanwalt Markus Nolte gestern nannte. Suchmaschinenoptimierung lautet ein Stichwort. Mit den verschiedensten technischen Tricks, längst nicht nur Spam-Mails, versuchten die „kriminellen Abenteurer“ (O-Ton Staatsanwaltschaft) Internetnutzer auf die Seiten der illegalen Viagra-Händler zu lenken. Die Köpfe der Bande lockten jene Webmaster mit sensationellen Provisionen von bis zu 30 Prozent des durch sie ausgelösten Umsatzes. Und das lebenslang. Soll heißen, gelingt es einem dieser Webmaster, dem illegalen Shoppingportal einen neuen Kunden zuzuführen, kassiert dieser Helfer fortan stets 30 Prozent des Geldes, welches der Kunde per Vorkasse an die Viagra-Händler zahlt.

„Das war äußerst verlockend. Das schuf Loyalität“, erklärte Staatsanwalt Nolte. „Dass ihr Tun kriminell ist, musste allen von Anfang an klar sein.“ Allein im August 2010, ihrem umsatzstärksten Monat, gingen auf den diversen Portalen 21 000 Bestellungen über insgesamt 1,8 Millionen Euro vor allem aus Deutschland ein. Im Schnitt gaben die Kunden pro Einkauf 76 Euro aus. Als die Bande Anfang April 2011 aufflog, hatte sie nach Berechnungen der Staatsanwaltschaft 21,5 Millionen Euro erwirtschaftet. Die Kunden erhielten für ihr Geld ohne den Gang zu einem hiesigen Arzt Pillen, die den Originalen täuschend ähnlich sahen, annähernd so teuer waren und offenbar auch meist das hielten, was sie versprachen. Zumindest gab es nicht massenweise Kundenbeschwerden. Auch von erlittenen gesundheitlichen Schäden steht nichts in der 270 Leitz-Ordner umfassenden Anklage der Staatsanwaltschaft. Die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Potsdam, die zuständig ist, weil einer der Angeklagten von Treuenbrietzen aus operierte, will die Bande deshalb auch nicht wegen vollendeten Betrugs verurteilen. „Das würde voraussetzen, dass sich jemand betrogen fühlt. Vielleicht aber waren die meisten Kunden mit der Ware zufrieden. Wir wissen es nicht“, erklärte der Vorsitzende Richter Andreas Dielitz. Maßgeblich für das Strafmaß seien deshalb die schweren Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, die mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet werden können.

Als besonders verwerflich stuft die Staatsanwaltschaft die spätere Ausweitung des Geschäftsmodells auf Diät-Pillen ein. Hier habe die Bande mit Appetit-Hemmern gehandelt, die in Deutschland wegen unkalkulierbarer Nebenwirkungen nicht zugelassen seien, und die besonders bei Überdosierung hoch gefährlich seien.

Vor allem Ermittlungen des Zolls, Kundenbeschwerden und Recherchen der geschädigten Pharma-Konzerne führten auf die Spur der Bande. Bereits Mitte 2009 gab es erste Untersuchungen bei einem Mitglied, aber erst im April 2011 gelang es, die gesamte Gruppe auszuschalten. Seitdem sind Geldauflagen über insgesamt 150 000 Euro gegen etliche jener „Webmaster“ ergangen. Und nach dem jetzigen Prozess steht in Potsdam mindestens ein weiteres Verfahren gegen elf weitere Beschuldigte an. Jene Bandenführer aus dem ganzen Bundesgebiet, gegen die jetzt verhandelt wird, haben bereits vor dem Prozess umfassende Geständnisse abgelegt. Sie streben nun eine Verständigung mit Gericht und Staatsanwaltschaft an.

Staatsanwalt Nolte schlug gestern für drei Haupttäter eine mehrjährige Haftstrafe ohne Bewährung vor. Die anderen, zum Beispiel der Verfasser jener Flut von Spam-Mails, können mit Bewährungsstrafen rechnen. Vor allem ihm, dem unscheinbaren Computerexperten mit Zopf und Bauchansatz, war das eigene Handeln offenbar irgendwann unheimlich. „Er hat sich uns extrem früh offenbart“, lobte Staatsanwalt Nolte. Das wolle man nun mit einem Strafnachlass würdigen. „Es soll sich herumsprechen, dass es Vorteile bringt, wenn man auspackt.“ Am Freitag wird der Prozess fortgesetzt.

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