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17. Oktober 2017 | 15:20 Uhr

Personalmangel am Altar

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

In Berlin und Brandenburg fehlen junge Menschen, die predigen wollen

svz.de von
erstellt am 17.Feb.2015 | 18:11 Uhr

Dies ist die Geschichte einer jungen Frau, die schon sehr früh wusste, dass sie einmal am Altar stehen und predigen wird. Und es ist die Geschichte zweier Landeskirchen, die solche jungen Menschen bitter nötig haben. Der Anfang: Leen Fritz ist damals gerade 13, besitzt ein fröhliches, unbeschwertes Lächeln und trägt blondes Haar. Und sie hat einen Plan. Leen will Pfarrerin werden. Ihre Religionslehrerin ist der Grund dafür. Mal abgesehen von ihrem Glauben.

„Sie hat mich sehr geprägt“, sagt Leen Fritz heute, 29, das Haar immer noch blond, das Lächeln einnehmend. Die junge Frau sitzt in der Victor-Gollancz-Grundschule in Berlin-Frohnau und schaut sich Religionsunterricht an. Im zugestellten Raum einer dritten Klasse hat sie sich einen Stuhl in die letzte Reihe geschoben. Die Beine übereinander geschlagen, blau-rote Gummistiefel wippen auf und ab. An der Tafel gewinnt gerade ein Jungen- gegen ein Mädchen-Team ziemlich deutlich im Religionsbegriffe-Raten: Synagoge? Punkt für die Jungen. Nikolaus? Punkt für die Jungen. Und so weiter und so fort. Alles ruft durcheinander, Leen Fritz klatscht verzückt in die Hände, wenn ein Begriff richtig erraten wurde. Das Aufeinanderprallen ihrer Handflächen ist kaum zu hören. Die Klasse ist mit sich beschäftigt, macht eifrig weiter. „Normalerweise wird geklatscht“, sagt Leen Fritz, ihr rosa Lippenstift glänzt.

Die 29-Jährige ist Vikarin. So nennt die Evangelische Landeskirche Berlin Brandenburg-schlesische Oberlausitz, kurz Ekbo, ihre Pfarrauszubildenden. 147 gibt es davon momentan in der Ekbo. 100 studieren Theologie, die anderen 47 sind in der zweiten, praktischen Phase der Ausbildung. So wie Leen Fritz.

Dass sie sich in einer Schule Religionsunterricht anschaut, ist ein relativ neuer Bestandteil der praktischen Ausbildung. „Die Vorbereitung auf die Christenlehre und den Konfirmanden-Unterricht“, sagt sie. Dass sie vor ihrem Praktikum in der Grundschule keine Ahnung vom Umgang mit Kindern hatte, gibt sie unumwunden zu. „Das Studium war schon sehr verkopft“, sagt sie. Anders gewendet: Die vergangenen sechs Jahre Uni bestanden hauptsächlich aus Altem und Neuem Testament, der Kirchengeschichte und praktischer wie systematischer Theologie. Keine Didaktik, keine Psychologie, wenig Außenkontakt. Deswegen tankt Leen Fritz nun in der Gollanczschule Leben.

Für die Evangelische Kirche ist das immens wichtig. Denn seit langem schwinden die Mitglieder. Zählte die Ekbo vor zehn Jahren noch 1,3 Millionen Schäfchen, waren es Ende 2013 eine viertel Million weniger. „Das hat mehrere Ursachen“, sagt Heike Krohn, Pressesprecherin der Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg. „Jedes zweite Mitglied ist über 50 Jahre alt, gerade jüngere Brandenburger ziehen der Arbeit hinterher, die Zahl der Taufen und Wiedereintritte gleicht die Zahl der Wegzüge, Todesfälle und Austritte nicht aus.“

Leen Fritz hat mittlerweile ihren Rucksack geschultert und die Gollanczschule verlassen. Sie ist auf dem Weg zu ihrem zukünftigen Arbeitsplatz in Wilhelmsruh. Vier S-Bahn-Stationen, unweit von ihrem Zuhause. „Könnte man eigentlich mit dem Fahrrad fahren“, sagt sie. Die Berlinerin ist ein bisschen aufgeregt. Dass „wir zum Gemeinde-Kindergarten müssen und da den Schlüssel holen“, sagt sie gleich mehrfach. An der Kirche will die Frau vom Kindergarten dann eigentlich gar nicht so genau wissen, was die neue Vikarin in dem Gotteshaus eigentlich vorhat. Keine übertrieben freundliche Begrüßung, Schlüssel rein, rum, Tür auf, bis später. „Aber Bescheid sagen, wenn sie gehen!“ Na klar.

Kurz darauf sitzt Leen Fritz an einem Tisch im Seitenschiff und sagt einen Satz, der so entwaffnend wie nötig ist: „Ich glaube, dass sich Kirche irgendwie verändern sollte.“ Neben ihr dampft eine Tasse Tee. Ihr Zeigefinger macht eine Aufwärtsbewegung, während sie versucht, diesen Satz zu erklären: „Ich habe Angst, dass es manchmal so wirkt, dass Kirche ein Verein und die schwere Holztür in den Gotteshäusern meistens zu ist“.

Dass das ziemlich genau die Meinung all jener Menschen im Land sein dürfte, die nicht viel für die Kirche übrig haben, ist ihr klar. Aber Leen Fritz hat auch eine Idee, wie man das ändern könnte: „Es muss frischer werden“, „transparenter“. Die Kirche brauche „neue Formen“, sagt sie. Und, dass der Gottesdienst vielleicht nicht die einzige Art sei, Menschen zu erreichen. Ihre Hand saust auf den Tisch. Bum.

Tatsächlich fehlen den Kirchen in Berlin und Brandenburg aber nicht nur die Schäfchen, sondern auch die Hirten. Besonders in der katholischen Kirche wird die nachwachsende Priestergeneration immer kleiner. Und das bei steigenden Mitgliederzahlen in der Region. 62  767 Katholiken gibt es in Brandenburg. In Berlin sogar 330  574. Noch vor zwei Jahren waren es insgesamt 10  000 weniger. Der Leiter des Priesterseminars im Erzbistum Berlin, Mathias Goy, bekommt bei der Nachwuchsfrage deshalb so seine Bauchschmerzen: „Fingen 1993 noch 16 Kandidaten in den damals noch neuen Bundesländern an zu studieren, sind es heute gerade einmal zwei“, rechnet er vor. „Natürlich kommen so weniger Priester nach, als Priester in den Ruhestand gehen oder sterben.“

Bei der Ekbo stimmt das Verhältnis hingegen. „Die Zahlen der Theologiestudierenden sind hoch“, sagt Heike Krohn. Für das Jahr 2015 hat sich ihre Marketingabteilung trotzdem Großes vorgenommen: eine neue Internetseite, neue Flyer, die Teilnahme an Ausbildungsmessen in Brandenburger Gymnasien, Info-Veranstaltungen an Universitäten, Praktika, ein „Berufsfindungseminar“ und ein großes Hirtentreffen. Aber warum der ganze Aufwand, wenn es ausreichend Bewerber für die Pfarrausbildung gibt? „Da in den kommenden zwei Jahrzehnten geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand gehen, könnte die Situation eintreten, dass weniger Nachwuchs als zu besetzende Stellen nachkommt“, antwortet Heike Krohn. So einfach ist das. Die Kirche denkt vor.

Im backsteinroten Gotteshaus in Wilhelmsruh macht sich Leen Fritz immer noch Gedanken, wie ihre Arbeit wohl in Zukunft aussehen wird. Am liebsten erfolgreich, modern und unterhaltsam. „Die Menschen sind heute nicht die gleichen wie vor 560 Jahren“, sagt sie. „Ich meine, ich will ja nicht nur inhaltlose Lasershow machen“. Aber was dann? Inhaltvolle Lasershow? Leen Fritz schaut an die Decke der Kirche. Es ist einen Moment still. „Ja, genau.“

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