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Paketdienst per Muskelkraft

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Aus der Redaktion des Prignitzers

In Brandenburg gibt es nur wenige Fahrradkuriere / Allein in Cottbus und Potsdam erhalten sie Aufträge

svz.de von
erstellt am 22.Mai.2015 | 15:37 Uhr

Arnd Klingenberg suchte nach einem Job, bei dem er nicht den ganzen Tag im Büro sitzen muss, sondern seinen Körper stählen kann. Seit fünf Jahren nun tritt der 43-Jährige in die Pedalen und befördert Briefe, Aktenordner, Päckchen, Blumensträuße oder auch mal Präsentkörbe durch Potsdam. „Ich wollte ein paar Kilo abnehmen und an der frischen Luft arbeiten“, sagt der Fahrradkurier.

In der Landeshauptstadt ist der Mitarbeiter der Firma Messenger bislang konkurrenzlos. Zwar gibt es auch hier zahlreiche Architekturbüros, Anwaltskanzleien, Arztpraxen, Behörden oder Unternehmen aus der Filmbranche, die Dokumente schnell und sicher verschicken müssen. Dennoch hat es die Kurierbranche in Potsdam erstaunlich schwer. „Es wird oft um jeden Euro gegeizt“, sagt Susanne Ludloff von der Messenger-Niederlassung in Potsdam. Während Unternehmen in Berlin ohne zu zögern einen Velokurier ordern, seien Firmen im Umland äußerst verhalten. Zwar ist Klingenberg ganz gut ausgelastet – aber einen weiteren Rad-Lieferanten könnte Messenger nicht beschäftigen.

„Wir haben unser Konzept immer wieder erklärt, aber viele Kunden können einfach nichts damit anfangen“, erzählt Ludloff. So würden die meisten Sekretärinnen in Potsdam lieber selber zur Post gehen oder einen Auszubildenden mit dem Auto losschicken, als einen Kurier anzurufen. „Viele können sich gar nicht vorstellen, dass man Sendungen sicher mit dem Rad transportieren kann. Der Markt hier ist schwierig.“

Ganz anders stellt sich die Situation in Cottbus dar: Dort beschäftigt die Firma Fakuco bis zu 20 Radkuriere, die auf Stundenbasis jobben. „Jeder hat sein kleines Areal, das er betreut“, sagt Chefin Gabriele Rabes. „Je jünger der Fahrer, desto größer der Radius.“ Kunden sind Gewerbetreibende, Anwälte und Ärzte in der Innenstadt – sie lassen zumeist Briefe und Päckchen transportieren. „Viele sind seit der Gründung der Firma vor über 20 Jahren treu geblieben“, berichtet die Steuerberaterin, die das Unternehmen 2001 übernommen hat und nebenbei betreibt. Diese Entscheidung hat sie bis heute nicht bereut. Mittlerweile sind auch ihr Mann und ihr Sohn dort beschäftigt. „Für uns ist das ein Beitrag für die Umwelt“, sagt sie. „Wir wollen die Stadt ein Stück weit vom Verkehr entlasten.“

In anderen Städten Brandenburgs sucht man Fahrradkuriere allerdings vergeblich. „Außerhalb von Großstädten gibt es nicht genügend Aufträge“, sagt Dieter Hoppe, Marketingleiter von General Overnight (GO). Sein Unternehmen beschäftigt in der Hauptstadt mehr als 30 Fahrradkuriere und will in Potsdam einen entsprechenden Service etablieren. Dabei sollen auch Elektro-Lastenräder, sogenannte iBullits, zum Einsatz kommen, mit denen sich selbst Elektrogeräte und kleine Möbel transportieren lassen. „Das erfordert auch von den Kurieren ein Umdenken“, meint er. „Viele wollen auf ihr Rennrad nicht verzichten.“

Aus Sicht des Bundesverbandes der Kurier-, Post- und Expressdienste bietet der Logistikmarkt noch viele Nischen. „Fahrradkuriere haben auch künftig eine Chance, aber sie müssen sich anders organisieren und für die Zukunft rüsten“, sagt der Verbandsvorsitzende Andreas Schumann. So baue UPS derzeit dezentrale, kleine Depots im Hamburger Stadtgebiet auf, in denen die Fahrradkuriere dann ihre Sendungen abholen, erzählt Schumann. Zudem werde an Apps gearbeitet, die das Navigieren zu den Kunden übernehmen. Darüber hinaus müssten die Lieferungen auf zwei Rädern für Kunden im Internet nachverfolgbar werden – mit Barcodes. Schumann glaubt, dass sich der Markt in einigen Jahren verändert und die Vormachtstellung der großen fünf Anbieter aufgeweicht wird. „Dafür muss es erst einmal einheitliche Transportlabels in Handel und Logistik geben. Dafür kämpfen wir“, sagt er. „Aber es gibt leider große Widerstände.“

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