Nazi-Goldzug : Opa erzählte von Zügen im Berg

Christel Focken bei einer Exkursion im Ostwall bei Miedzyrzecz (Meseritz)
Christel Focken bei einer Exkursion im Ostwall bei Miedzyrzecz (Meseritz)

Brandenburger Historikerin übergab Informationen über Nazibauwerk an polnische Behörden

svz.de von
21. September 2015, 14:24 Uhr

Ein angeblich in einem verschütteten Stollen in Südpolen versteckter Goldzug der Nazis regt die Phantasie vieler Abenteurer an. Eine Brandenburger Historikerin hat jetzt ihre Informationen über vier unterirdische Tunnel an die örtlichen Behörden übergeben.

„Zehn Prozent Finderlohn für 300 Tonnen Gold, das wäre eine Milliarde Euro.“ Spaßeshalber hat Christel Focken aus Altlandsberg (Märkisch-Oderland) errechnet, was herauskäme, wenn der mysteriöse Schatz in Südpolen existierte. Im August hatten zwei Hobbyhistoriker behauptet, den Panzerzug entdeckt zu haben, der am 29. Januar 1945 aus Breslau nach Westen gefahren sein soll, um Raubgold und andere Schätze in Sicherheit zu bringen, seither aber als verschollen gilt.

Als Beweis legten der Pole und der Deutsche Georadarbilder vor, auf denen Umrisse von Panzern und einer Lok in 50 bis 70 Meter Tiefe zu sehen sein sollen. Erstaunlicherweise ließ sich Polens Kulturministerin Magorzata Omilanowska von den Bildern beeindrucken und verkündete wenige Tage später: „Die Wahrscheinlichkeit, dass da etwas ist, ist groß“.

Christel Focken, die Leiterin des Bundesverbandes privater Historiker, hätte sich mehr Seriosität gewünscht. Die 54-Jährige bietet Exkursionen zu Zielen wie dem Ostwall bei Meseritz (heute Miedzyrzecz) und dem einstigen „Führer-Hauptquartier Wolfsschanze“ im früheren Ostpreußen an. „Den Titel Historikerin habe ich mir hart erarbeitet.“

Ihr Interesse für die Vergangenheit wurde auf ungewöhnliche Weise geweckt. „Mein Großvater Johann Wilhelm Focken war Stabsingenieur der Kriegsmarine“, berichtet sie. „Als ich sechs war, das war 1967 noch in Westberlin, nahm er mich auf seinen Schoß und erzählte mir von Zügen, mit denen Waffen, Maschinenteile und Ausrüstungen im Krieg in Bergwerke verlagert wurden. Kurz darauf starb er.“ Diese Geschichte sei ihr später wie eine Prophezeiung erschienen. Direkt habe dies die Folge gehabt, „dass ich schon als Kind in jedes Loch gekrochen bin, worüber meine Mutter sich immer aufgeregt hat“.

Es dauert aber Jahrzehnte, bis die gelernte Elektrikerin und Tauchlehrerin endlich tun konnte, „was mir am Herzen liegt“. Die Berliner Mauer musste erst fallen, bevor sie zu den Orten reisen konnte, an denen ihr Großvater eventuell im Krieg war. Mit dem „Projekt Riese“ bei Waldenburg, das in den Schlagzeilen ist, hat sie sich seit 15 Jahren beschäftigt. Das gigantische Stollensystem wurde bis kurz vor Kriegsende als Ersatz-Führerhauptquartier für die „Wolfsschanze“ in Ostpreußen ausgebaut. Quartiere waren für die Oberkommandos von Heer und Luftwaffe, den Reichsaußenminister und den Reichsführer der SS geplant.

Weil sie „bombensicher“ sein sollte, wurde die Anlage tief in den Wolfsberg und das Eulengebirge gegraben. Die Baupläne für „Riese“ wurden vermutlich vernichtet, weshalb eine genaue Rekonstruktion kaum möglich ist. Bekannt ist, dass Tausende Häftlinge aus dem nahen Konzentrationslager Groß-Rosen bei den harten Bauarbeiten ihr Leben verloren.

„Ich habe über einen Anwalt eine Liste von Stollen und Einfahrten an die Stadt Waldenburg übergeben“, sagt Christel Focken. Die detaillierten Angaben umfassen die Südeinfahrt in den vermuteten Goldzug-Tunnel und den Verdacht, dass ein unterirdischer Zugang vom heutigen Bahnhof in Wal-brzych besteht. Außerdem seien in dem Schreiben eine weitere Zufahrt in Richtung von Schloss Fürstenstein und ein Stollen im Zentrum der Stadt enthalten.

Die Altlandsbergerin meldete ihren Anspruch auf den Finderlohn von zehn Prozent des möglicherweise zu findenden Sachwerts an. Die örtlichen Behörden haben das Gelände am Kilometer 65 der Bahnstrecke Breslau-Waldenburg vorsorglich abgeriegelt. Etwa dort soll sich der Zug in einem verschütteten Seitenschacht befinden. Die polnische Eisenbahn rodet ein Waldstück, um genaue Bodenradaruntersuchungen zu ermöglichen. Anschließend könnten Soldaten die Suche aufnehmen.

Die Historikerin schränkt auf ihrer Internet-Seite ein: „Die gezeichnete Tunneleinfahrt könnte auch nur eine Baustelle sein. Es besteht viel Raum für Spekulationen. Wir dürfen alle Möglichkeiten diskutieren, sollten aber nichts festschreiben, solange keine Fakten vorliegen!“

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