Artenschutz und Umweltbildung : Ohne Freiwillige stirbt die Vielfalt

Versammelte Naturschutzkompetenz: Über 100 aktive Freiwillige  kamen nach Rühstädt und wurden von Manfred Lütkepohl  (M.) empfangen.
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Versammelte Naturschutzkompetenz: Über 100 aktive Freiwillige kamen nach Rühstädt und wurden von Manfred Lütkepohl (M.) empfangen.

„Die Natur mit ihrem Artenreichtum ist etwas Tolles. Dies zu erhalten geht nur mit qualifizierten Hauptamtlichen und mit der Arbeit der vielen ehrenamtlichen Freiwilligen“, resümierte Dr. Sven Rannow am Samstag vor über 100 Ehrenamtlern in Rühstädt.

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06. Juli 2014, 22:03 Uhr

„Die Natur mit ihrem Artenreichtum ist etwas Tolles, nicht nur für einzelne Menschen, sondern für die ganze Gesellschaft. Dies zu erhalten geht nur mit qualifizierten Hauptamtlichen und mit der Arbeit der vielen ehrenamtlichen Freiwilligen“, resümierte Dr. Sven Rannow, Leiter des Biosphärenreservates Flusslandschaft Elbe-Brandenburg, am Samstag vor über 100 Ehrenamtlern in Rühstädt.

Touristen betreuen, über Gefahren aufklären – ohne Freiwillige wäre dies beinahe unmöglich. Vor allem die Prignitz, die Touristen aufgrund ihrer Ruhe und landschaftlichen Einmaligkeit anzieht, wäre ohne das große Engagement ärmer an Attraktionen. Grund genug, die diesjährige landesweite „Dankeschön-Veranstaltung“ für alle Freiwilligen der Naturwacht Brandenburg im europäischen Storchendorf Rühstädt zu veranstalten.

„Wir versuchen den Freiwilligen jedes Jahr etwas Besonderes zu bieten, da ist dieser Ort hier optimal“, verdeutlicht Manfred Lütkepohl, Leiter der Brandenburger Naturwacht. Und eines wurde verstärkt deutlich: ohne Ehrenamtler geht es nicht.

„In den einzelnen Großschutzgebieten allein kommen wir insgesamt auf über 12 000 Arbeitsstunden der Freiwilligen für den Naturschutz. Und das ist nicht nur Arbeit, sondern auch Gemeinschaft“, resümiert Lütkepohl. Zu dieser Gemeinschaft zählen derzeit in Brandenburg 384 freiwillig Aktive, von denen am Samstag etwa ein Drittel den Weg nach Rühstädt fand.

Auch das Thema Eichenprozessionsspinner und dessen Bekämpfung, das derzeit zahlreiche Gemüter in der Prignitz bewegt, wurde angesprochen. „Das ist ein Streit für Experten, der nicht vor Ort entschieden werden kann, denn es gibt hier keinen Abwägungsrahmen, sondern bundeseinheitliche Regelungen, die eingehalten werden müssen. Dass es ein Problem ist, steht außer Frage und wo Menschen betroffen sind, muss geholfen werden. Trotzden sehe ich für das Problem keine einfache Lösung und die derzeitige Panik etwas übertrieben“, so Rannow. Seite5
Im nunmehr elften Jahr des gemeinsamen Freiwilligenprogrammes von Europarc-Deutschland und der Naturwacht Brandenburg führte der jährliche Ausflug der „Dankeschön-Veranstaltung“ in das Storchendorf Rühstädt und in umliegende Nahrungsräume der Weißstörche.

„Menschen und Natur, das gehört einfach zusammen. Wir kommen aus der Natur und sind in der Natur tätig – so schließt sich der Kreis“, verdeutlicht Bettina Kühnast, Projektkoordinatorin Europarc Deutschland e.V..

Und vor allem in Brandenburg gibt es in dem Bereich ein „Wir-Gefühl“. Elf Naturparks, drei Biosphärenreservate und einen Nationalpark gibt es hier zu koordinieren. „Die Naturlandschaften halten gut zusammen und wissen untereinander immer Bescheid“, so Kühnast.

Und Arbeit gibt es für die Aktiven immer reichlich. „Arten- und Biosphärenschutz, Wasserpegel ablesen, Orchideenwiesen mähen, Streuobstwiesen anlegen oder die umfangreiche Arbeit mit Kindern und unseren Junior-Rangern – vieles würde ohne die Freiwilligen vor Ort nicht funktionieren“, verdeutlicht Manfred Lütkepohl. Ähnlich sieht es Ricarda Rath von der Naturwacht im Biospherenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg: „Das Wichtigste, was sie uns geben, ist ihre freie Zeit, die sie in den Dienst der Natur stellen.“

Und so konnten die Freiwilligen an diesem Nachmittag sich einmal mehr ganz der Natur widmen. Exkursionen in Drängewasserbereiche oder eine Deichtour unter anderem durch Eichenauewaldbereiche nach Gneversdorf standen auf dem Programm, für das viele Naturwächter eine weite Anreise auf sich genommen hatten. „Wir kommen von der Niederlausitzer Heidelandschaft aus der Nähe von Bad Liebenwerda und versuchen jedes Jahr teilzunehmen. Von unseren acht Freiwilligen sind heute vier dabei“, erzählt zum Beispiel Ina Tschiesche.


Spinner-Panik ist übertrieben


Auf den direkten Kontakt mit dem Eichenprozessionsspinner hingegen konnten auch die Naturwächter verzichten, auch wenn die kolportierte „Panik und der Hype“ aus Sicht von Dr. Sven Rannow übertrieben ist. „Der Eichenprozessionsspinner ist Teil der Natur und hat eine Funktion zu erfüllen. Da wo Menschen sind, auf Radwegen oder in Dörfern, ist eine Bekämpfung kein Problem. Doch muss man immer versuchen Möglichkeiten zu finden, um einen Kollektivschaden abzuwenden. Es ist immer eine Risikoabschätzung. An einer Eiche leben über 360 Arten, durch das Spritzmittel werden allein 130 Schmetterlingsarten mit getötet“, so Rannow, der anführt, dass alteingesessene Bewohner das Problem anders einschätzen würden.

„Zudem gab es im vorigen Jahrhundert bereits zweimal eine starke Zunahme der Population, jedoch gehen damit in der Natur auch immer Gegenkräfte einher. Es ist anzunehmen, dass dies auch beim Eichenprozessionsspinner nicht endlos sein wird und sich die Organismen nicht nur in eine Richtung entwickeln,“ ergänz Lütkepohl.

Derweil will die Landesregierung die Nationalen Naturlandschaften in Brandenburg attraktiver für Touristen gestalten. Die Besucherzentren mehrerer Großschutzgebiete sollen modernisiert und überalterte Ausstellungen überarbeitet werden, wie Umweltministerin Anita Tack (Linke) auf eine parlamentarische Anfrage der CDU-Fraktion erklärte. Auch Wegeleitsysteme sind geplant, zudem sollen die Naturparks für behinderte Menschen besser zugänglich werden.

Zu den Nationalen Naturlandschaften in Brandenburg gehören der Nationalpark Unteres Odertal und die Biosphärenreservate Spreewald, Flusslandschaft Elbe-Brandenburg und Schorfheide-Chorin. Außerdem gibt es elf Naturparks. Über EU-Fördermittel wurden die Naturlandschaften in der Förderperiode 2007 bis 2013 laut Umweltministerium mit knapp 13 Millionen Euro unterstützt.

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