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Jede zweite Totenbescheinigung falsch : Oft Fehler bei Leichenschau

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Der Potsdamer Rechtsmediziner Jörg Semmler hat erneut eine bessere Ausbildung der Mediziner für die Leichenschau gefordert. Die Folge sei, dass Schätzungen zufolge jede zweite bis dritte Totenbescheinigung in Deutschland Fehler aufweise.

Der Potsdamer Rechtsmediziner Jörg Semmler hat erneut eine bessere Ausbildung der Mediziner für die Leichenschau gefordert. „Alle Bundesländer haben sich dem Thema nie richtig gewidmet“, sagte Semmler. Die Folge sei, dass Schätzungen zufolge jede zweite bis dritte Totenbescheinigung in Deutschland Fehler aufweise. In einigen Fällen sorgt dies für Schlagzeilen. Im vergangenen März als etwa attestierte eine Notärztin in Prenzlau (Uckermark) bei einem Toten eine natürliche Todesursache, obwohl sein Körper drei Stichwunden hatte. Marion van der Kraats hat mit ihm gesporchen

Herr Dr. Semmler, wie ist so etwas möglich?
Die Ärzte im Notdienst haben oft nur mangelhafte Kenntnis und fehlende Erfahrung in der Leichenschau. Viele Mediziner haben zudem eine schlechte Rechtskenntnis. Wenn man die Gesetzeslage kennt, wäre vieles einfacher. Dann würden sich die Mediziner beispielsweise nicht von Polizeibeamten beeinflussen lassen, sondern in Ruhe ihre Arbeit machen.
Wie kann man die Situation ändern?
Ein Weg wäre, nur speziell ausgebildete Ärzte die Leichenschau durchführen zu lassen. So wird es beispielsweise in den Niederlanden praktiziert. Das würde allerdings pro Fall knapp 200 Euro kosten. Wer soll das bezahlen? Das gleiche gilt für Fortbildungen. Es gibt viele Vorschläge zur Verbesserung. Kollegen und ich haben schon mehrere Anläufe unternommen, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Doch bislang sind die verschiedenen Initiativen in Deutschland gescheitert. Ich habe darum in den vergangenen Jahren etwa 30 Vorträge bei Ärzten gehalten. Die Resonanz war durchweg positiv.
Sie sprachen die Finanzen an. Damit hat auch Ihr Institut in seinem 30-jährigen Bestehen immer wieder zu kämpfen. Ist eine Schließung nun abgewendet?
Die Diskussion im vergangenen Jahr wird nicht die letzte gewesen sein. Zum Glück hat sich der Landtag dagegen entschieden, die Rechtsmedizin aufzulösen und unsere Aufgaben auf ein Krankenhaus zu übertragen. Insgesamt gab es in den vergangenen 25 Jahren bestimmt sieben Anläufe, das Institut und seine Nebenstelle in Frankfurt (Oder) zu schließen. Das hat uns bestimmt ein Viertel der Arbeitskraft gekostet und von der eigentlichen Tätigkeit abgelenkt. Mit unseren insgesamt 24 Mitarbeitern, davon neun Ärzten, scheinen wir schnell verschiebbar.
Was sind ihre Aufgaben?
Jährlich werden etwa 600 Obduktionen durchgeführt. Dazu kommen rund 4000 Analysen auf Alkohol im Blut und etwa 1500 Drogentests oder aber Blutanalysen für Vaterschaftstests. Wir führen aber auch DNA- und Spuren-Untersuchungen durch oder rekonstruieren aus Schädelfragmenten Gesichter - beispielsweise um verweste Leichen zu identifizieren.

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